These 5: Offen zu leben ist gut. Es gilt nur leider nicht für Alle.

Als ich im Jänner auf das Problem aufmerksam machte, dass durch die Eingetragene Partnerschaft behördliche Zwangsoutings mittels Meldezettel möglich sind, schüttelten manche in der LBST-Community den Kopf: Jetzt arbeiten wir doch seit Jahren daran, dass man dazu stehen soll, sich outen soll, öffentlich bekennen soll. Das sei kein so wesentliches Problem, gäbe es doch wichtigeres und überhaupt: Wer eine EP eingeht, hat auch Rechten und Pflichten, so ist das nunmal. Heteros müssen ja auch ihre Kästchen ankreuzen.

Höhepunkt war Gudrun Hauer (HOSI Wien), die mir in einer Radiosendung auf Radio Orange vorwarf, ich würde Lesben und Schwule wieder in den Schrank zurück schicken wollen.

Manche Lesben und Schwule haben es halt leichter. Ich zum Beispiel. Man geht offen durchs Leben, befindet sich in einem Umfeld, das mit der Tatsache, dass man schwul oder lesbisch ist, kaum Probleme hat. Diskriminierungen oder blöde Äußerungen sind seltene Ausnahmen und nicht die Regel. Dieses Leben und dieses Umfeld haben sich Lesben, Schwule und Transgender selbst erarbeitet: Sie sind (etwa so wie ich) vom Land in die Stadt gezogen, soziale Netzwerke sind bedeutend und wichtig und auch die Ausbildung und der Job wurden – bewusst oder unbewusst – so gewählt, dass man sich nicht verstecken muss. Der Schritt raus konnte gewagt werden, das Versteckspiel hatte endlich ein Ende! Soweit so gut.

Wenn Lesben und Schwule, die positive Beispiele darstellen (und das tun sie!) aber ihre eigene Erfahrungen 1:1 auf andere übertragen wollen, dann wird es komplizierter, weil sie von sich auf andere schließen. Wenn dann aber etwa jemand sagt, er oder sie würde sich am Arbeitsplatz niemals outen, weil es die Karriere gefährden würde oder man täte es lieber nicht in der eigenen Familie, weil das entsetzliche Folgen hätte, werfen sie diesen Menschen gerne Feigheit vor. Vielleicht sagen sie das nicht so direkt, aber denken es sich und kleiden es in etwas blumigeren Worten.

Die selbstbewusste Community – und vor allem diese sind in politischen Organsiationen aktiv – übersehen leider oft die unterschiedliche und vielfältige Welt, in denen Menschen leben. Sie ignorieren die Tatsache, dass in manchen Betrieben, in manchen Gesellschaftsschichten mit anderen sozialen oder kulturellen Hintergründen manches halt doch nicht ganz so einfach ist. Und auch nicht immer Schwarz und Weiß. Und von Lesben und Schwulen zu verlangen, diese sie diskriminierende Umwelt zu verlassen, ist halt doch mitunter zu viel verlangt.

Um mich nicht falsch zu verstehen: Jede geoutete Lesbe und jeder offen lebende Schwule ist ein Fortschritt und wichtig. Und ja: Lesbisch-schwule-transgender NGOs, Profis, die Politik und alle anderen sollen Mut machen, den Schritt hinaus zu wagen. Sie können auch beispielhaft zeigen, dass ein Leben ohne Versteck, ohne Angst, ohne Selbsterniedrigung besser ist. Aber ob dieser Schritt gewagt wird, muss eine persönliche Entscheidung bleiben. Und die vielen Gründe, warum sich manche eben nicht outen, müssen wahrgenommen, beachtet und respektiert werden. Auch wenn es manchmal schwer fällt…

Ein türkischer Schwuler hat mir diesen Gedanken einmal sehr fein mitgeteilt. Sinngemäß:

“Meine Eltern würde mich enterben und verstoßen, wenn ich ihnen sage, dass ich schwul bin. Ich liebe sie aber trotzdem. Sie sind auch nur Opfer einer traditionell weitergegebenen Homophobie, und ich kann ihnen keine Schuld geben, habe eher Mitleid, weil sie nicht den Weg zur Freiheit gehen können, so wie ich es außerhalb der Familie tue. Schuld daran hat die Geschichte, die Kultur, die Religion, die Tradition. Irgendwann werde ich es ihnen sagen, aber der Weg dorthin ist noch ein langer. Alleine schaffe ich es nicht. Dazu müsste in der Türkei eine breitere Debatte beginnen.”
(Diese Sätze könnte übrigens genauso gut von einem Österreicher oder sonst jemanden stammen.)

These 4: Die Gleichstellungsdebatte ist an einem toten Punkt angelangt.

24. March 2010

Konzentrieren wir uns bei dieser These mal auf “die Heteros”, was an sich ein furchtbar generalisierender Ausdruck ist, ich weiß. Aber mir geht es um den Zugang zu “unserem” Thema der Gleichstellung. Auf der einen Seite gibt es zahlreiche Heteros, die überhaupt kein Problem mit Lesben und Schwulen haben (manchen ist es sogar schlicht wurscht), auf der anderen Seite diejenigen, die Lesben und Schwule als völkische Bedrohung, als Sünder_innen oder aus anderen Gründen Pfuigack finden.

Die ersten wundern sich schon lange, dass die komplette Gleichstellung noch immer nicht da ist, weil es entweder eh wurscht ist, oder eine soziale/demokratische/menschenrechtliche Grundfrage ist oder einfach aufgrund der Tatsache, da sie mit LBSTs verwandt oder befreundet sind. Diese Gruppe kann die Diskussion über die Gleichstellung nicht mehr hören, beschäftigt sie sich doch eh seit Jahren damit und darf es sich seit den 80-er Jahren anhören. Sie schüttelt höchstens nur noch den Kopf über die Anderen. Oder wundern sich nur noch, dass es nicht schon länst soweit ist.

Die Gegner_innen jeglicher Gleichstellung, die Lesben und Schwule keine rechtliche Gleichstellung zuerkennen wollen – besonders Radikale (aus der Ecke des Klerikalfaschistischen oder einfach nur Faschistischen) wollen sie lieber psychiatrieren oder in Lager stecken – können das Thema auch nicht mehr hören, denn sie lehnen nunmal grundlegend ab. Das ist eine Überzeugungsfrage, sei es relgiös oder weltanschaulich.

Beide haben aber etwas gemeinsam: Sie können’s nicht mehr hören, die Positionen sind einzementiert. Das Thema kommt nicht kaum noch an. Überdruss pur, was die Gleichstellungsdebatte stark gefährdet und sie an einem toten Punkt ankommen ließ. Oder?

Ein Lichtblick aber: Diejenigen, die die Sache nur erledigt haben wollen sind in der Mehrzahl.

These 3: So etwas wie eine lesbisch-schwule Community gibt es kaum.

22. March 2010

3.1. Szene- versus Klemmschwester oder Party- versus Schranklesbe

Es gibt zwei Möglichkeiten, als Lesbe oder Schwuler durch die Welt zu gehen (Ich spreche hier jetzt übrigens nur von solchen Menschen, die ihre eigene Bi-, Trans- oder Homosexualität akzeptiert haben und muss bei dieser These diejenigen, die ihre Sexualität verinnerlicht ablehnen vernachlässigen): Man steht dazu und sagt es seiner Umwelt, oder man verschweigt es. Natürlich gibt es auch hier einige Stufen dazwischen, aber um die These zu vereinfachen, belasse ich es bei den beiden äußersten Polen.

Ich behaupte, das Letztere nach wie vor die große Mehrheit darstellen. Wer Studien verfolgt, wie viele Menschen gleichgeschlechtliche Erfahrungen haben oder hatten (sogar wenn es sich mehrheitlich um solche Erfahrungen handelt), und wie viele Menschen geoutet durchs Leben gehen und eine lesbische, schwule oder transsexuelle Identität offen leben, so klaffen die Zahlen weit auseinander. Sind es im ersten Fall immer über 10%, stellen die offen Lebenden noch immer eine Minderheit der Minderheit dar. Merkwürdigerweise wird diese Tatsache oft verschwiegen.

Da sich viele derjenigen, die nicht geoutet durchs Leben gehen, trotzdem immer wieder ins queere Netzwerk und Infrastruktur begeben, klaffen die Unterschiede deutlich hervor. Geoutete lernen Ungeoutete kennen und irgendwie versteht man einander nicht, denn die einen finden die Nichtgeouteten feig oder unterstellen ihnen verinnerlichte Homophobie (was manchmal, aber eben nicht immer zutrifft), während die Nichtgeouteten die offen lebenden Schwulen und Lesben als Bedrohung wahrnehmen, weil sie so gar nicht leben wollen, weil z.B. Verlustängste (Job, Familie, Freundeskreis) überwiegen oder andere Netzwerke einfach eine bedeutendere Rolle im Leben einnehmen als die LBST-Welt. Besonders queere Migrant_innen rutschen oft in ein Doppelleben.

3.2. Kompromisslose versus Zufriedene

Die politische queere Szene hat sich ebenso auseinander dividieren lassen. Auf der einen Seite gibt es diejenigen, die eine völlige und kompromisslose Gleichstellung wollen, die meinen, nur wenn alles gleich behandelt und gestellt ist, kann man von einer Gleichstellung sprechen. Diese Gruppe (in Österreich etwa das RKL, Die Grünen Andersrum, u.a.) gehen auch von einem aufklärerischen und antidiskriminierenden Weltbild aus: Auch wenn es schlechte Gesetze gibt, müssen alle vor diesem gleich gestellt sein, da nur das dem demokratischen Grundprinzip entspricht, damit eben alle gleich sind. Änderungen dieser Gesetze sind eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und betrifft auch Heteros.

Dem gegenüber stehen die Zufriedenen, die meinen, Lesben und Schwule haben eine eigene Lebenswelt, sind tatsächlich ‘anders’, daher haben sie auch andere Gesetze zu haben, da das heterosexuelle Weltbild mit dem homosexuellen ohnehin nicht übereinstimmt, dass Lesben und Schwule etwas besseres verdient hätten als die Heteros (so argumentiert etwa Kurt Krickler und die HOSI Wien), und daher Sonderregelungen ausschließlich für Lesben und Schwule durchaus angebracht sind. Die Zufriedenen haben zwar noch in den 80-er und 90-er Jahren etwa gegen §209 (unterschiedliche Schutzalterbestimmung bis 2002) gearbeitet, finden aber etwa unterschiedliche Altersregelungen in EPG im Vergleich zur Ehe in Ordnung.

Auch in der Wirtschaft sind die Zufriedenen erkennbar: Zahlreiche Firmen setzen mittlerweile auf “Diversity Managment”, was sicherlich ein Fortschritt darstellt. Gleichzeitig birgt das Konzept auch eine Gefahr, die ich so umschreiben möchte: Spielten die Bosse und Aufsichtsräte – alle männlich, weiß und heterosexuell – vor 20 Jahren gemeinsam am Golfplatz, erzählten sie sich gegenseitig gerne, wie ungeeignet Frauen für die Führungsetagen und Lesben und Schwule überhaupt pfui sind. Jetzt – 20 Jahre später – erzählen sie sich, welche Gender Mainstreaming- und Diversity Management-Konzepte sie eingeführt haben – aber es sind immer noch die selben weißen, heterosexuellen Männer, die da am Golfplatz spielen. In die Führungsetagen haben es weder Frauen, schon gar keine Lesben noch Schwule gebracht (Ausnahmen bestätigen die Regel). Wenn es um den Machtsanspruch geht, hört sich jedes Gender Mainstreaming und jedes Diversity Konzept auf – was übrigens nicht nur Lesben, Schwule und Transgender zu spüren bekommen, sondern auch etwa Zugewanderte und deren Nachfahren sowie andere diskriminierten Gruppen.

3.3. Queer versus Tradition

In akademischen Kreisen spielt die Queer Theory eine große Rolle. Nichtdestotrotz leben auch zahlreiche Lesben, Bisexuelle, Schwule und Transgender – wahrscheinlich die überwiegende Mehrheit – in klassischen Rollenverständnissen ihrer weiblichen oder männlichen Identität. Sogar bei Transgender lässt sich hier eine Spaltung feststellen: Sind manche Transgender (allerdings eine Minderheit) bei der Anpassung des Geschlechts radikal und sogar der Meinung, dass nur eine völlige Geschlechtsanpassung zu einer neuen “gegengeschlechtlichen” Identität führen kann, finden andere die vielen Aspekte zwischen männlich und weiblich besonders wichtig, da es nämlich mehr gibt als nur ausschließlich weiblich oder ausschließlich männlich. Für letztere überwiegt das soziale Geschlecht.

Queere Menschen verstehen sich als Menschen, die die Heteronormativität überwunden haben. Dazu zählen sich übrigens auch viele Heteras und Heteros. Klassisch als Lesben und Schwule lebende Menschen wiederum erfahren sich selbst durchaus als Hetero-Gegenpol. Das sind zwei völlig unterschiedliche Perspektiven auf die Gesellschaft.

3.4. Rollenbilder

Gemeinsam bleibt allen schwulen Männern, dass sie in einer Männerwelt nicht als “echte Männer” wahrgenommen werden, was dazu führt, dass in heterosexuell-männlichen Netzwerken besondere Vorsicht angebracht scheint und Outings seltene Ausnahmen darstellen (z.B. Fußball, Militär, etc.). Lesben werden ebenso gerne nicht als “echte Frauen” wahrgenommen – interessanterweise vor allem von heterosexuellen Männern – , was dazu führt dass Lesben gerne übersehen, marginalisiert und als nicht bedeutend dargestellt werden. Transgender entsprechen wiederum ohnehin keinem klassischem Rollenbild einer bipolaren Geschlechterwelt und werden auch von Lesben und Schwulen oftmals nicht als “Männer” oder “Frauen” wahrgenommen und ausgegrenzt. So haben transsexuelle Frauen im FZ-Beisl im WUK noch immer keinen Zugang.

Lesben, Bisexuelle, Schwule und Transgender sind in diesen Fragen mitten in einer gesamtgesellschaftlichen Debatte angelangt, haben es aber teilweise noch gar nicht begriffen. Hier hat die moderne Frauenbewegung und die Emanzipation eine große Rolle gespielt und unglaublich viel geleistet. Gleichzeitig befindet sich der Mann – glaubt man Psycholog_innen und Soziolog_innen – in einer Krise um seine Stellung in der Gesellschaft. Das alles hat auch zur Krise des schwulen Mannes geführt: Einerseits musste er immer sein “Mann sein” beweisen, andererseits steht auch die Männlichkeit an sich in einer Sinnkrise, ja werden schwule Männer gerade durch die Krise des Mannes als Feindbild gesehen, da sie – aus Sicht des heterosexuellen traditionellen Mannes – diese Rolle des Mannes ja an sich bedrohen.

(Dass ich hier die Frage des Frauen-Rollenbilds nicht konkreter anspreche, liegt freilich in meiner persönlichen Betrachtung der Sachlage. Ich wäre dankbar, wenn hier eine Frau eine These oder Gegenthese als Gastkommentar hinzufügen möchte.)

These 2: Das Einlullen in ein “Ist eh alles in Ordnung”-Gefühl stellt eine Gefahr dar.

19. March 2010

Lesben und Schwule im Jahr 2010 haben es an sich nicht schlecht (sofern man in einem westlichen, freien Land wohnt). Es gibt Infrastruktur satt: Bars, Clubs, Saunen, Buchhandlungen, Sexshops, Cafés, Internetportale und Medien: Man kann eintauchen in eine lesbisch-schwule-transgender Welt, ist vernetzt, ist nicht alleine, kann sich amüsieren, mal jemanden aufreißen, findet jede Vorliebe (egal ob Doris Day-Fanclub oder irgendein seltener sexueller Fetisch) und man kann mittlerweile nicht nur einen Abend, sondern auch sein ganzes Leben in der Community verbringen. Das ist doch was!

Im Grunde konnte einer unterdrückenden heterosexistischen Mehrheitsgesellschaft nichts Besseres passieren, als ein lesbisch-schwules Netzwerk, das in sich funktioniert. Den Lesben, Schwulen und Transgendern natürlich auch nicht. Ist das ein Agreement? Jeder lebt in seiner Welt und schaut so wenig wie möglich Kontakt zum anderen Ufer zu haben?

Die Gefahr:

Wer sich im lesbisch-schwulen Netzwerk aufhält, übersieht mitunter die anderen Netzwerke und was dort abgeht. Und umgekehrt. Bis die Existenz dieser Netzwerke sogar vergessen ist. Es scheint alles in Ordnung zu sein, was zu einer fatalen “Ich bin beschützt”-Stimmung führen kann, denn eine “feindliche” Außenwelt dringt in diese Infrastruktur nur selten bis gar nicht ein, obwohl sie existiert. Sie wird nur nicht mehr oder kaum noch wahrgenommen. Oder diese andere Welt geht einem schlicht nichts mehr an.

Nun sind Communities, Schutzräume, etc. nichts Schlechtes. Ich benütze etwa das Wort Ghetto grundsätzlich nicht, denn in einem Ghetto wohnt man vor allem unfreiwillig. Die lesbisch-schwule Infrastruktur wurde aber von uns selbst geschaffen, ist also freiwillig. Sprich: Community.

Vielen Lesben und Schwulen scheint zudem oft gar nicht mehr aufzufallen, in zwei völlig getrennten Welten zu leben: Auf der einen Seite ist man beruflich der seriöse Finanzberater, abends und wochenends lässt man die Sau raus. Prinzipiell ist dagegen auch nichts einzuwenden, aber dass die Balance in beiden Welten bestehen zu können ein fragiler ist, wird gerne übersehen. Man gewöhnt sich halt daran.

So toll es ist, dass wir all unsere Lokale, Websites und Co. benützen können: Übersehen wir besser nicht, was sonst noch los ist. Sonst wachen wir aus einem bösen Traum wieder auf. Übertreibe ich? Berlin hat mittlerweile wieder fast so viele lesbisch-schwule Lokale, wie es sie in den 30-er Jahren des 20. Jahrhunderts gegeben hat. In Berlin rechnete niemand damit, dass diese jungen Nazis mal was werden würden. Man ignorierte sie lieber und feierte Party…