Urbane Mobilität einst und morgen.

Die Firma Hildebrands Deutsche Schokolade veröffentlichte im Jahr 1900 eine Serie von Postkarten (Beispiele in diesem Blog), damals ein beliebtes Marketing-Instrument. Inhalt der Serie: Wie wird das Jahr 2000 wohl aussehen? Sehen Sie sich zuerst die Postkarten an, und dann kommen Sie gerne hierher zurück.

Mobilität um 1900

Skurril und witzig, wie man sich vor 111 Jahren den Beginn unseres Jahrtausends vorstellte, oder? Aber blicken wir einmal genauer hin. Ist Ihnen etwas an den oben verlinkten Beispielen aufgefallen? Acht der zwölf dargestellten Postkarten behandeln das Thema der Mobilität in der Stadt, ob Schiff auf Schiene, persönliche Flugmaschinen oder bewegliche Trottoirs und Häuser. Um 1900 war die Industrialisierung Europas am Höhepunkt. Wien etwa hatte um 1910 über 2 Millionen Einwohner und Einwohnerinnen. Die Städte Europas platzten aus allen Nähten. Naturgemäß war Mobilität ein Thema, das viele Menschen beschäftigte. U-Bahnen wurden erfunden und gebaut (in Wien gab es 1844 schon Pläne, die erste wurde in London etwa zwei Jahrzehnte später realisiert).

Doch eines konnten die Postkartenpropheten nicht vorhersehen: Den Siegeszug der Automobile, obwohl es sie damals schon gab. Zwar wurden bereits im 18. Jahrhundert die ersten dampfbetriebenen Mobilgeräte entwickelt und der erste benzinbetriebene Wagen im Jahr 1870 von Siegfried Marcus entwickelt, doch offensichtlich gab man dem Automobil noch wenig Zukunftschancen. Da war der Gedanke an persönlichen Fluggeräten anziehender.

Und wie sehen wir das heute, im Jahr 2011?

Ganz so wie in den Postkarten hat es sich doch nicht entwickelt. Und trotzdem stimmen die Grundgedanken von 1900. Mobilität war und ist ein Thema für die moderne Stadt. Damals und heute. Die Vielfalt der Fortbewegungsmittel sind zwar Andere als auf den Darstellungen der Berliner Schokoladenkarten, aber sie sind vielfältig:

Muss man größere Teile transportieren, nimmt man lieber ein Auto, bewegt man sich täglich in der Stadt, um etwa zur Arbeit zu fahren, ist das Fahrrad ein hervorragendes Instrument. Und manche bevorzugen eine coole Vespa, bei Regenwetter jedoch nimmt man dann doch lieber die öffentlichen Verkehrsmittel. Für die Einkäufe ums Eck machen es die zwei Beine, die uns die Evolution geschenkt hat, auch noch ganz gut. Dafür rollen mittlerweile die Einkaufstaschen. Um sich auf der Donauinsel fortzubewegen sind Inline-Skates noch immer ganz fein, und ein Schüler nimmt auf dem Nachhauseweg gerne mal seine Skateboards oder Roller. Und dann werden laufend neue Geräte entwickelt: Segways, Elektroräder, und ähnliche Geräte beginnen die Stadt zu erobern. Und jedes Individuum der Stadt hat andere bevorzugte Fortbewegungsmittel.

Jedoch sind unsere Verkehrskonzepte noch immer die Konzepte, die sich nach dem 2. Weltkrieg durchsetzten, und hier dominiert das Auto sowie die öffentlichen Verkehrsmittel. Nur Fußgänger und Fußgängerinnen werden noch akzeptiert (die ja übrigens bereits den Bürgersteig seit langem hatten, der aber historisch nur als Alternative bei Schmutz auf der Straße gedacht war. Jetzt aber wurde er der Platz, wo man gehen musste und nicht mehr bloß konnte). Es entstanden auf den Straßen Fahrbahnen, klar begrenzt, klar definiert und niemals sollte ein anderer Verkehrsteilnehmer oder eine -teilnehmerin es wagen, diese zu benützen! Auch nicht die Parkplätze links und rechts. Nur die Straßenbahnen und die Autos mussten halt irgendwie klarkommen. Dieses Denken hat sich tief verankert.

Fazit: Verkehr ist vor allem eine Kulturfrage!

Doch nun kommen die vielen neuen Geräte. Wohin mit den Segways? Wo soll der Rolli-Fahrer denn fahren? Wo darf man denn skaten?

Shared Space

Es führt wohl kein Weg an den Konzepten von Shared Space vorbei – die Philosophie und das Konzept, das besagt, dass der in einer großen Stadt für viele Menschen ohnehin knappe öffentliche Raum für alle Teilnehmer_innen und sich darin Fortbewegende gleichberechtigt zur Verfügung steht. Diese müssen wiederum aufeinander Rücksicht nehmen und akzeptieren, dass andere  Arten der Mobilität überall stattfinden können. Die Grundvoraussetzung für diese Akzeptanz ist Respekt. Denn wie gesagt: Verkehr ist und bleibt vor allem eine Kulturfrage. Und es beginnt wohl unter anderem in den Fahrschulen und Schulen, um in diesem Bereich ein Umdenken langsam aber doch zu erreichen. Eine Kulturrevolution quasi, die früher oder später durch das knappere Erdöl (Stichwort Peak-Oil) ohnehin notwendig sein wird.

Mobilität von Information

Doch noch ein Aspekt scheint mir wichtig, wenn man sich noch einmal die Postkarten von 1900 vergegenwärtigt:

Mobile Häuser, mobile Gehsteige – all das zeigt, dass sich die Postkartenmacher Gedanken über Verkehr hinaus gemacht haben. Auch hier eine kleine Fehleinschätzung: Die Mobilität ist einen umgekehrten Weg gegangen. Die Mobilität von Information, Nachrichten, Kultur, Austausch mit Freunden und Freundinnen fand den Weg in die Häuser hinein. Die Postkarte jedoch mit der an der Wand projizierten Theateraufführung hat die Zukunft erkannt, denn immerhin wurde das TV-Gerät ein halbes Jahrhundert später Wirklichkeit. Das Internet hat auch hier eine Revolution ermöglicht: Wie es meiner besten Freundin geht erfahre ich über Facebook, im Fernsehen sehe ich eine Opernpremiere aus Salzburg, Bücher und Essen werden ins Haus geliefert.

Fazit: Nahversorgung von Gütern, Information und Kultur ist der zweite wesentliche Aspekt der mobilen Konzepte der Zukunft. Wobei  mit Nahversorgung mittlerweile nicht nur die Versorgung für alle in der Stadt in möglichst kurzen Wegen bedeutet, sondern eben auch die Möglichkeiten des Internets und der Mobilität in die Wohnbereiche hinein – inklusive Arbeiten von zuhause aus.

Die Kulturfrage

Dass sich urbane Mobilität in den nächsten Jahren stark verändern wird ist gewiss. In welche Richtung sie sich entwickeln wird ist aber unsere Aufgabe. Heute! Je mehr Menschen sich Gedanken darüber machen, was passiert und wie es passieren soll, umso besser (etwa durch diese Blogparade zu diesem Thema – siehe Text unten). Denn egal ob es sich um die Unabhängigkeit von fossiler Energie handelt, um mögliche Erfindungen, die bis zum Jahr 2100 noch kommen werden (wo ist eigentlich die Postkartenserie 2100 heute?): Verkehr und wie sie gestaltet wird ist vor allem eine Kulturfrage. Dazu zählt freilich insbesonders wie mit anderen Verkehrsteilnehmer_innen umgegangen wird – ob ablehnend oder akzeptierend.

Aus dem Jahr 1649 ist eine Abbildung eines windbetriebenen Segelwagens aus den Niederlanden bekannt (Abbildung). Möglicherweise nicht sehr geeignet für den Straßenverkehr heute, aber immerhin ein mit immer kostenlos zur Verfügung stehender Energie betriebener Wagen. Manchmal lohnt ein Blick zurück, in diesem Fall in die Zeit vor der Industriellen Revolution. Der Blick zurück und nach vorn: Eine Kulturfrage.

Dieser Blogbeitrag ist mein Beitrag zur Blogparade, ausgerufen vom ÖkoEnergie-Blog der Raiffeisen-Leasing hier. Hast du auch einen Blog? Dann mache noch schnell mit, denn die Aktion geht noch bis 26.9.2011, 24 Uhr!

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