Ich darf beruhigen: Natürlich sind in Vorarlberg auch Regenbogenfamilien Familien!

24. June 2015

Kein Grund zur Aufregung! Auch in Vorarlberg sind Regenbogenfamilien Familien. Zudem gelang den Vorarlberger Grünen eine bemerkenswerte Resolution Richtung Bund zur Gleichstellung lesbischer und schwuler Paare. Und das mit den Stimmen der ÖVP!

Aber der Reihe nach:

Gestern sorgte in der LGBT-Community eine Aussendung der SoHo, der LBSTI Organisation der SPÖ, für Aufregung. In dieser Aussendung wirft die SoHo den Grünen Vorarlberg vor einen SPÖ-Antrag nicht unterstützt zu haben. In diesem Antrag wurde die Aufnahme von Regenbogenfamilien in die Landesverfassung beantragt.

Dieser Antrag klingt auf den ersten Blick natürlich völlig berechtigt und auch ich dachte mit im ersten Moment: Verdammt, warum haben die Vorarlberger Kolleg_innen da nicht zugestimmt? Wenn man allerdings genauer schaut, stellt man bald fest, dass  im Vorarlberger Landesrecht der Begriff Familie gar nicht definiert wird. Das ist de facto immer noch Bundeskompetenz. Somit gelten in Vorarlberg unter dem Dachbegriff ‚Familie‘ natürlich alle Familien, auch die Regenbogenfamilien. So steht es auch in der Regierungsvereinbarung, nämlich dass alle Familienformen berücksichtigt werden.

Außerdem stellt sich schon auch eine Grundsatzfrage: Wenn man  in der Verfassung explizit Regenbogenfamilien erwähnen will, ja dann muss man auch alle anderen Familienformen nennen, also etwa Mutter-Vater-Kind/er-Familien, Familien mit Alleinerzieher_innen oder Patchwork-Familien. Denn sonst würde man ja Regenbogenfamilien anderen Familien quasi mehr Bedeutung geben, was nicht Sinn der Sache sein kann. Da scheint mir der Oberbegriff Familie für alle doch wesentlich zielführender. Ein erweiterter Familienbegriff in der Vorarlberger Verfassung ist allerhöchstens ein „Nice-to-Have“, die Verankerung der Ehe für alle ist ein wesentliches Grundrecht und ein absolutes „Must-Have“.

Sehr erfreut bin ich daher, dass es den Vorarlberger Grünen gelang auch mit den Stimmen der ÖVP eine Landtags-Resolution zu verabschieden, in der der Bund aufgefordert wird, Diskriminierungen gleichgeschlechtlicher Partnerschaften endgültig zu beseitigen. Wenn der Bundesvorsitzende der SoHo die Grünen also bittet, doch für ein Umdenken in der ÖVP zu sorgen, dann kann ich gerne auf Vorarlberg verweisen, wo dies nämlich erfolgreich funktionierte.

Jedenfalls deutlicher als es die SPÖ in der Bundesregierung schaffte: Vor dem Sommer 2014 sicherte uns die Bundesregierung die Beseitigung von Diskriminierungen noch “vor dem Sommer” zu, im Jahr 2015 versprach sie das erneut – doch bisher geschah nichts dergleichen. Der Sommer 2015 begann vor drei Tagen.

 

Links
Zwei Aussendungen der Vorarlberger Grünen
Mehr Rechte für gleichgeschlechtliche Paare
SPÖ betreibt Doppelspiel und Grundrechtsfragen

Liebe ÖVP, die Ehe für alle ist doch so richtig schön konservativ.

28. May 2015

Hallo ÖVP!
Hallo Herr Parteichef!
Hallo Herr Justizminister!

Es ist wieder einmal so weit. Die Ehe für alle wird diskutiert. Also mit anderen Worten: Die Öffnung der Ehe für Lesben und Schwule. Alle paar Monate oder Jahre – ein genaues Intervallmuster gibt es nicht – poppt die Frage nach der Gleichstellung lesbischer und schwuler Paare auf. Aktuell aufgrund des Referendums in Irland. Und immer wieder seht ihr in diesen Debatten ganz schön alt aus. Nicht Fisch, nicht Fleisch. Während die paar übrig gebliebenen urban-liberalen VP-Wähler_innen nur noch den Kopf schütteln glauben andere ÖVP-Granden, dass die Gefahr der an der rechtsextremen Flanke anklopfenden FPÖ zu groß ist.

Wie wäre es mal – und ich helfe ja wirklich gerne – wenn ihr die Debatte über die Ehe für alle (ach ja, noch eine Bitte: Sagt nicht Homo-Ehe!) einfach mal so richtig schön konservativ verteidigen würdet. Das könnt ihr ja eigentlich leichter als ich, der Grüne. Schaut mal:

  • Die Ehe ist ein hochgradig konservatives Konzept. Seid doch froh, dass es Menschen gibt, die dieses Konzept leben wollen. Werden ja eh immer weniger.
  • Zwei Menschen wollen Rechte und Pflichten füreinander übernehmen. Was ist das Problem? Wenn das nicht hochgradig bürgerlich ist, was dann?
  • Das Kindeswohl muss im Vordergrund stehen! Das sagt ihr doch so gerne? STIMMT! Deshalb kann die sexuelle Orientierung der Eltern nie und nimmer dabei eine Rolle spielen. Denkt mal drüber nach. Seid doch wirklich mal Familienpartei!
  • In eine Demokratie sind alle Menschen vor dem Gesetz gleich. Das sehen doch auch bürgerliche Parteien so, oder? Hoppla, warum ist dem dann nicht so?
  • Ungleiches darf nicht Gleich behandelt werden, hört ihr aus der klerikalen Ecke, und schon schreit ihr vor Angst und traut euch nicht drüber. Aber jetzt im Ernst: Das ist das dämlichste Argument von allen. Fragt mal euren befreundeten Bischöfen und Pfarrern, ob man denn tatsächlich als Staat einem verschiedengeschlechtlichen Paar über 70 die Ehe verweigern soll oder ob Menschen, die keine Kinder kriegen können, auch ein Eheverbot erhalten sollen? Na also. Von wegen ungleich. It’s all about love.
  • Die Öffnung der Ehe für Lesben und Schwule kostet dem Steuerzahler und der Steuerzahlerin genau: € 0,-
  • Liebe ist Liebe. Das gefällt sogar Konservativen und ließe sich toll plakatieren. Nächstenliebe darf kein Wort der FPÖ werden, oder katholische Verbände?

Streiten werden wir weiterhin. Ihr solltet etwa die Ehe für alle ermöglichen, während ich, der (aus Eurer Sicht) Revoluzzer, in diesem Fall auch die Eingetragene Partnerschaft modernisieren und noch schlanker machen würde und – ojegerle – den Heteros als Option zur Verfügung stellen würde.

Aber dahin ist noch ein weiter Weg. Vorab, liebe ÖVP, gebt euch einen Ruck. Euch hat das Building Bridges in den letzten Tagen auch gefallen? Wollt ihr nicht mal über die Brücke gehen? Sonst war der Bau doch völlig sinnlos, oder?

Euer Marco

PS: Ihr werdet das eh alles wieder ignorieren und mit irgendwelchen abstrusen und konstruierten Argumenten heterosexuelle und homosexuelle Paare schön in zwei verschiedene rechtliche Schubladen einordnen. Deswegen gehört ihr dann am Ende des Tages abgewählt und aus der Regierung entfernt. Wenn ihr es nicht anders haben wollt: Bitteschön. Denn die Ehe für alle kommt. Es ist nicht die Frage ob, sondern wann!

 

 

Eine kleine Geschichte des Song Contests zwischen Körper, Geschlecht und Nation

29. April 2015

Gemeinsam mit Christine Ehardt und Georg Vogt habe ich einen wissenschaftlichen Sammelband über den Eurovision Song Contest gestaltet, der dieser Tage bei Zaglossus erscheint.

ESC Cover PRINT.inddAlles begann vor einigen Jahren, als wir beisammen saßen und uns zu später Stunde ein dunkles Geheimnis gestanden: Wir sind Fans des Eurovision Song Contest und das schon seit Kindheitstagen! Dieses „dirty secret“ teilend und über qualifizierende Abschlüsse im Studienfach der Theater-, Film und Medienwissenschaft verfügend, entschlossen wir uns dazu, gemeinsam und aus kritischer kulturwissenschaftlicher Perspektive ein Buch über den Song Contest herauszugeben.

Zwischen Idee und Umsetzung lagen mehrere Jahre. Als der ORF Ende 2013 Conchita Wurst für den Eurovision Song Contest 2014 nominierte, war dies auch für uns Motivation, unsere Idee in die Praxis umzusetzen. Wursts Nominierung versprach eine Verdichtung der gesellschaftlichen Debatten um Körper und Geschlecht. Aufgrund der trans- und homophoben österreichischen Wirklichkeit, war vorhersehbar, dass Diskussionen um die Frage, ob Wursts Nominierung eine Schande für die Nation sei, früher oder später aufbrechen würden. Die Analyse dieser Debatten erschien uns vielversprechend, um Einblick in den aktuellen Stand der gesellschaftlichen Akzeptanz nicht heteronormativer Körperbilder und Lebensentwürfe in Österreich und Europa zu gewinnen.

Ende April 2014 gingen wir mit einem Call for Papers an die Öffentlichkeit. An einen Sieg Conchita Wursts glaubten wir zu diesem Zeitpunkt nicht. Nur im Scherz sprachen wir davon, dass wir unser Buch rechtzeitig zum Song Contest 2015 in Wien fertig bekommen sollten.

Noch mehr als die Debatten im Vorfeld, erwies sich Conchita Wursts Triumph in Kopenhagen als Motor für unser Buchprojekt. Nicht nur das mediale Interesse am Song Contest, sondern auch das wissenschaftliche erfuhr einen gewaltigen Schub. Unser Buch wäre wohl ein ganz anderes geworden, hätten am 10. Mai 2014 The Common Linnets oder gar Aram Mp3 gewonnen.

Von den insgesamt 20 Beiträgen beschäftigen sich vier im engeren Sinne mit Conchita Wurst. Die Theaterwissenschaftlerinnen Katharina Pewny und Kati Röttger schreiben über performative Praktiken der Dis/Identifikation. Ina Matt – Genderforscherin und Redakteurin bei fiber. Werkstoff für Feminismus und Popkultur – analysiert die brüchige Inszenierung Österreichs als „Queer Nation“ in der ORF Dokumentation „Conchita – Einfach persönlich“. Mit der homophob aufgeladenen russischen Reaktion beschäftigt sich Historikerin und Filmwissenschaftlerin Yulia Yurteva. Der Theater-, Film- und Medienwissenschaftler Bernhard Frena untersucht das Social Media Phänomen des Bartabrasierens. Schließlich machte Conchita Wurst den Bart zum Symbol von Unmännlichkeit – zumindest aus Sicht einiger russischer Twitternutzer, die sich des selbigen kurz nach dem ESC Finale entledigten.

In unserem Sammelband geht es nicht ausschließlich um die Wurst. Die Autor*innen spannen einen Bogen von der Frühgeschichte des Song Contests bis heute. Sie beschäftigen sich mit Sprache, Ethnisierung und Nation-Building; beleuchten die Austragung staatspolitischer Konflikte auf der Song Contest Bühne und untersuchen ein breites Spektrum Körper- und bildpolitischer Strategien. Gemeinsam mit Anne Marie Faisst habe ich einen Beitrag über Antisemitismus, Israel und den Song Contest beigesteuert. Abschließend finden sich im Kapitel „Resonanzen“ Beiträge, die sich mit der Rezeption des Song Contests in verschiedenen Kontexten auseinander setzen. Die Frage nach den Gründen von Erfolg und Misserfolg, empirische Untersuchungen lokaler Fankulturen, kritische Auswertungen klassischer Printmedien und aktueller Social Media Phänomene sind Gegenstand der Texte.

„Eurovision Song Contest – Eine kleine Geschichte zwischen Körper, Geschlecht und Nation“ wurde von Christine Ehardt, Georg Vogt und Florian Wagner herausgegeben. Erschienen ist das Buch im April 2015 bei Zaglossus (http://www.zaglossus.eu/ESC.htm).

 

Florian Wagner ist Theater-, Film- und Medienwissenschaftler und Mitherausgeber der Sammelbände „(K)ein Ende der Kunst. Kritische Theorie, Ästhetik, Gesellschaft“ (LIT, 2014) und „How I Got Lost Six Feet Under Your Mother. Ein Serienbuch“ (Zaglossus, 2013). Seit 2011 engagiert er sich im Verein zur Förderung Kritischer Theater-, Film- und Medienwissenschaft (KritTFM – http://krittfm.blogspot.co.at/).

Warum ein Manderl, das auf Weiberl steht, es so schwer hat.

Manderln, die auf Weiberln stehen, hätten es besonders schwer, hieß es neulich bei den Amadeus Music Awards.

Das stimmt natürlich, denn es ist sicher schon vielen Heteros passiert,

  • dass man sich von einem verstorbenen Freund bei einem Begräbnis verabschieden will, und man entsetzt feststellen muss, dass die Familie alles Heterosexuelle verschweigt und aus der Zeremonie verbannt, die Freundin des Verstorbenen ganz hinten sitzen muss und der Pfarrer ausschließlich die homosexuellen Werte betont und alles andere verschweigt.
  • dass man bei einem Begrüßungskuss mit Weiberl aus dem Café geschmissen wird.
  • dass man ein Haus kaufen wollte, aber der Verkäufer plötzlich sagt: Sorry, aber an Heteros verkaufe ich nicht.
  • dass man in Gesetzen noch immer diskriminiert wird und die Regierungsparteien ständig den heterosexuellen NGOs mitteilen, dass man Ungleiches nicht gleich stellen könne.
  • dass man aus verschiedenen Ländern flüchten muss, weil Heterosexualität verboten ist – bis hin zur Todesstrafe in 7 Staaten der Erde.
  • dass man überall – in den Medien, in den Schulen, im Freundeskreis, in der Familie – mitgeteilt bekommt, dass man doch bald einen Freund haben sollte, und man sich nicht traut zu sagen, dass man eigentlich auf Mädchen steht.
  • dass man sich dann doch traut in der Schule zu outen, man aber gemobbt, gehänselt und verprügelt wird, weil man eine “Scheiß-Hete” ist.
  • dass man aus der elterlichen Wohnung geworfen wird, weil heterosexuelle Lebensweisen nicht toleriert werden.
  • dass ein Taxifahrer dich aus dem Auto schmeißt, weil du deine Freundin geküsst hast.
  • dass du in deiner Firma nicht und nicht aufsteigst und der Grund recht klar ist: Heteros werden eh toleriert, aber in der Chefetage bleiben halt die Homos lieber unter sich.
  • usw.

Ja, diese Manderln, die auf Weiberln stehen, haben es echt schwer.