Wenn die FIFA einen Staat regiert.

Der Juni und die ersten 11 Juli-Tage dieses Jahres gehörten weltweit dem Fußball. Ich persönlich habe nichts dagegen. Im Gegenteil: Zum einen bin ich ja ganz persönlich (oranje eingefärbter) Fußball-Fan. Das aber wirklich besondere ist, dass man – während man sich ein Match ansieht – weiß, das im selben Augenblick Milliarden auf der Welt das gleiche tun. Fußball verbindet. Oder sollte es zumindest….

Ein Artikel in der niederländischen Zeitung de Volkskrant mit dem Titel Knien vor König Fußball schockierte mich aber doch. Die FIFA ist sich seiner globalen Bedeutung bewusst und agiert nicht mit Verantwortung, sondern mit noch mehr Kontrolle, Eigengeschäften – milliardenschwer – und knüppelt die Interessen der austragenden Staaten offensichtlich nieder. Hintergrund: Die Niederlande bewirbt sich mit Belgien um die Austragung der Fußball-WM 2018. Im Dezember dieses Jahres wird entschieden.
Der Artikel in de Volkskrant beginnt mit einer Beschreibung des 9. Juli 2018:
Wenn sein Flugzeug am Montag, den 9. Juli 2018 am Tag nach dem WM-Finale über die holländischen Polder aufsteigt, wird König Sepp sich wehmütig von seinem Reich verabschieden. Er wird zurückdenken an FIFAtanien, sieht das Volk im Stau stehen, während er mit seiner Limousine problemlos über die eigenen FIFA-Fahrspuren Richtung Stadion rauschen konnte.
Er sieht die Lokalwirte ihre niederländischen Bierwerbungen abmontieren, weil nunmal Budweiser der WM-Sponsor ist. Er denkt an seine umsatzsteuerbefreite Suite im Hotel Krasnapolsky, seine umsatzsteuerbefreiten Einkaufstouren im Kaufhaus Bijenkorf und seinen umsatzsteuerbefreiten Geschenke an König Willem-Alexander. Kichernd erinnert er sich an die SMS, die ihm der niederländische Premierminister gestern nach dem Schlusspfiff schickte: ‘Ein wunderbares Tournier, Sepp! Aber darf ich jetzt mein Land wieder haben?’
Eine der Schlüssel einer erfolgreichen Bewerbung für die Austragung einer Fußball-WM sind die so genannten Government Guarantees. Die Garantien der (alten und demnächst abtretenden) niederländischen Regierung sind mittlerweile öffentlich geworden. Die Zeitung konstatiert: Die niederländische Regierung wird vier Wochen nicht stattfinden, Sepp Blatter eine Schattenregierung installieren:
  • Die FIFA zahlt an den niederländischen Fiskus keinen einzigen Cent. Auch in Südafrika war das so. Von den von der FIFA eingenommenen 1,5 Milliarden Euro wanderte kein Cent an den südafrikanischen Finanzminister und somit auch nicht an das südafrikanische Gemeinwohl. Umsatzsteuer zahlen die Fußball-Funktionäre (gibt es eigentlich auch Funktionärinnen? Ich gendere da mal lieber nicht) auch nicht: Nicht für das nette Gala-Diner, nicht für ihre Suites und Luxuszimmer, nicht für ihre Taxifahrten, für gar nichts. Dem niederländischem Fiskus entgehen dadurch geschätzte € 300 Millionen.
  • Das Kabinett hat der FIFA Investitionen versprochen: Für extra für die WM zu errichtenden Straßen und Bahnhöfe werden € 500 Millionen investiert. Dazu gehören auch eigene Straßenspuren für FIFA-Funktionäre, damit sie ungehindert von Stadion zu Stadion düsen können. Die Kosten zur Absicherung dieser Bahnen werden auf € 200 Millionen geschätzt.
  • Die Stadien benötigen auch Investitionen. Derzeitige Schätzung: € 900 Millionen. Darunter fällt auch das Olympia-Stadion in Amsterdam. Dieses wurde noch in den 1990-er Jahren verkleinert, da es niemand für größere Events nutzen wollte. Das Stadion in Enschede – das übrigens Grolsch Veste heißt, aber während der WM so nicht heißen darf, ist doch Budweiser Sponsor – muss auch erheblich vergrößert werden. Rotterdam soll überhaupt einen neuen Tempel erhalten.
  • Werbungen privater niederländischer Unternehmer_innen sind in einer Bannmeile rund um das Stadion verboten, außer es handelt sich um einen der großen Sponsoren. Diese Bannmeile ist aber nicht eine Meile. Sondern 2 Kilometer! Lokale, Supermärkte, Greißler, Geschäfte – mit anderen Worten: Die niederländischen Mittelschicht-Unternehmungen, die innerhalb der Bannmeile liegen, haben einfach Pech.
  • Ambush Marketing wird gesetzlich verboten. Man erinnere sich an die in Südafrika verhafteten niederländischen Fans. Es handelte sich um zwei Frauen, die im Stadion orange Kleidchen des Bierhersteller Bavaria trugen. Die Biermarke stand auf den Kleidchen drauf. Die Frauen wurden verhaftet. Fazit: Die niederländische Polizei muss ein Gesetz exekutieren – ein Gesetz, das ausschließlich im kommerziellen Interesse der FIFA liegt. Bezahlt werden diese Polizeibeamt_innen natürlich von niederländischen Steuerzahler_innen. Die FIFA zahlt aber keine Steuern, und somit auch nicht die tausenden Sicherheitsbeamt_innen, die notwendig sind.
Freilich führt die niederländische Regierung auch die positiven Effekte an: Eine Austragung ist großartig für das Image der Niederlande, würde junge Menschen anspornen, Sport auszuüben und würde der niederländischen Wirtschaft einen Stoß geben.
Die Stichting Economisch Onderzoek (SEO – zu deutsch: Stiftung ökonomische Forschung) hat gerechnet. Im wahrscheinlichsten Fall verliert die niederländische Wirtschaft geschätzte € 155 Millionen. Im schlimmsten Szenario wären es sogar € 1,1 Milliarden!
Wenn man all das liest, wünschte man der FIFA mal eine ordentliche Finanzkrise. Damit sie sich wieder um das kümmert, worum es geht: Um ein globales Fußballfest. Und ein austragendes Land soll Geld verdienen, Jobs schaffen, investieren – aber zum Nutzen der eigenen Leute und der eigenen Wirtschaft und nicht der FIFA.

Foto: Oranje-Bavaria-Kleidchen, laut FIFA illegal. Regierungen müssen bei WM-Bewerbungen garantieren, dass ihre Behörden die kommerziellen Regeln der FIFA exekutieren, obwohl die FIFA keinen Cent Steuer bezahlt. 

Srebrenica

Ein Goldener Rathausmann für Miep Gies, geb. Hermine Santrouschitz

Als ich vor einigen Monaten über den 100. Geburtstag von Miep Gies, als Hermine Santrouschitz in Wien geboren, bloggte (hier), schaffte ich immerhin, dass die Retterin der Tagebücher von Anne Frank auch in ihrer Geburtsstadt nicht vergessen wird. Der Kurier berichtete groß über die Ex-Meidlingerin. Am Rande einer Gemeinderatssitzung im April fragte ich Bürgermeister Michael Häupl, ob er sie nicht ehren könne. Häupl unterstützte das sofort und stellte den sehr selten überreichten Goldenen Rathausmann für Miep Gies zur Verfügung. Zugleich wurde ich gebeten, die Überreichung vorzunehmen. Das geschah heute.

Ich schreibe diese Zeilen gerade in Amsterdam und verbrachte den heutigen Vormittag im Anne Frank-Haus. Die Freude über die Ehrung an Miep Gies war sehr groß und im Haus spürbar! Miep Gies selbst konnte leider nicht anwesend sein. Seit ihrem 100. Geburtstag lebt sie zurückgezogen in einer kleinen nordholländischen Stadt. Der Aufenthaltsort wird von der Anne Frank-Stiftung geheim gehalten, da sie niemanden mehr empfangen will. Aber immerhin: Sie lebt noch alleine und selbstständig, wie mir erzählt wurde. Sie liest täglich zwei Zeitungen (darunter das berühmte ehemalige Widerstandsblatt Het Parool) und macht sich derzeit vor allem über den Rechtsruck in den Niederlanden (Geert Wilders) und in Europa Sorgen. “Die Menschen müssen wieder mehr miteinander reden, man muss wieder zuhören!” hat sie Teresien da Silva, Leiterin des Archivs und der Sammlungen der Anne Frank-Stiftung, erzählt.
Teresien da Silva war es auch, die den Goldenen Rathausmann heute entgegennahm. Sie bringt ihn morgen zu Miep Gies und meinte, dass sie sicher sehr glücklich sein wird!
Nach der Überreichung bekam ich noch eine wunderbare Führung durch das Anne Frank-Haus an der Prinsengracht. Ich war ja schon häufig dort, aber heute bekam ich erstmals Räume zu sehen, die sonst für die Öffentlichkeit nicht zugänglich sind, und mir eine ziemlich spannende Geschichte erzählten:
1. Das Büro von Otto Frank, das nie verändert wurde und noch original erhalten ist. Darin befindet sich auf dem Schreibtisch auch noch das Radio, das Anne Frank in ihrem Tagebuch erwähnt. Abends schlichen sich die im Hinterhaus Versteckten oft hierher, um BBC Radio zu hören. Über dem Büro befand sich das Versteck, das Hinterhaus. Otto Frank soll manchmal auf dem Boden gelegen sein, um Besprechungen im Zimmer darunter mitzuhören.
2. Die Küche von Otto Franks niederländischer Niederlassung der deutschen Firma Opekta. Opekta war ein Geliermittel fürs Kochen von Marmelade. Otto Frank drehte auch kleine Werbefilmchen für Opekta. In einem der Filme sieht man die junge Miep Gies als “Darstellerin”.
Die Geschichte, die mir aber in beiden Räumen so eindrucksvoll erzählt wurde: Direkt darüber war das Versteck. Und heute noch kann man die Museumsbesucher_innen darüber ganz deutlich hören. Jeder kleinste Schritt ist darunter ganz deutlich und sehr laut zu hören. Deshalb durften die Versteckten auch tagsüber nicht gehen. So sinnlich und echt wie heute, habe ich das noch nie erfahren. Bislang habe ich das nur gewusst.
Es war auf jeden Fall sehr beeindruckend, und ich hoffe, dass auch in Wiener Schulen die Geschichte der Anne Frank, ihrer Familien, den anderen Untergetauchten, den Helfer_innen und der Zeitgeschichte viel und häufig erzählt wird. Österreich-Bezug gibt es nicht nur mit Miep Gies: Ein anderer Helfer, Victor Kugler, wird im Anne Frank-Haus noch immer Österreicher genannt und wurde in Hohenelbe (heute Vrchlabi, Tschechische Republik) geboren, der Wiener Karl Silberbauer verhaftete die Familie Frank und holte sie aus ihrem Versteck, Arthur Seyß-Inquart war Reichskommissar der Niederlande und ebenfalls Österreicher.
Der heutige Tag war in meinem noch jungen politischen Leben schon etwas Besonderes. Vieles habe ich schon gemacht. Diese Aufgabe war aber eine große Ehre. Ich möchte mich daher noch einmal bei Bürgermeister Michael Häupl bedanken, der meine Initiative sofort unterstützte und mir die Gelegenheit gab, dies alles zu tun. Als niederländischer Wiener war mir das eine große Ehre!

Foto oben: Überreichung des Goldenen Rathausmannes an Teresien da Silva, die ihn morgen an Miep Gies geben wird.

5000 Kilometer Autofahren. Die Tankstelle: Das eigene Haus.

Leusden ist ein kleiner Ort mit 28.000 Menschen in der Provinz Utrecht und Nachbargemeinde der Stadt Amersfoort. Dort kann heute Zukunft besichtigt werden. Die auf nachhaltiges und innovatives Bauen spezialisierte Baufirma InnoConstruct wird von seinem Chef Johannes Out betreut. Diese Firma baute ein Haus, wie es der Traum aller Niederländer_innen ist: Im Stil der 30er Jahre, mit Erkern, Fenstern, Backsteinen und einer Garage. Von außen sieht das Haus so aus, wie all diese beliebten Häuser, die man in den Poldern der Niederlande sehen kann. Die Innovation verbirgt sich aber hinter der Fassade:

Es gibt im Haus keine Heizungen, es ist in Passivhaus-Bauweise gebaut worden. Die Mauern sind extra dick, die Fenster dreifach isoliert. Luftaustausch sorgt für Wärme im Winter und Kühle im Sommer. Ein eingebauter Computer sorgt immer für die richtige Temperatur. Auf dem Dach befindet sich eine Photovoltaik-Anlage, eine kleine Windmühle schmückt das Dach und zwei Rohre gehen je 70 Meter in die Tiefe und nützen die Erdwärme. 750 Liter Wasser werden so erwärmt, genug für eine ganze Familie.
Out erzählt in der Zeitung Trouw (Artikel), wie er seine Ideen – Energie- und Technologiekonzepte neu kombiniert und neu durchdacht – anderen Firmen anbieten wollte:
“Das ist ein sehr konservativer Club an Menschen, die nichts mit Innovation in der Energieversorgung am Hut haben. Wenn du sie bittest, eine Installation für Erdwärme zu bauen, sagen sie: ‘Nicht machen, das kostet viel Geld und bringt nichts’. Sie haben einfach keine Lust darauf. Deswegen haben wir mit der Hilfe von Partner einfach selbst so ein Haus gebaut. Damit können wir auch was herzeigen.”

Johannes Out ist mittlerweile selbst in das Haus eingezogen, was ihm beim Prototyp gegönnt sei. Und welche Baufirma hat dann schon die Umweltministerin zu Gast, wenn es der Öffentlichkeit präsentiert wird?

Einen zusätzlichen Nutzen erzählt Johannes Out auch noch so nebenbei – und hier wird die Reichweite solchen Bauens erst so richtig klar: Sein Haus erzeugt so viel Energie, dass er damit auch noch sein Elektroauto mit Energie versorgen kann. Rund 5000 bis 8000 Kilometer kann das Auto pro Jahr mit der eigenen Energieversorgung fahren. Damit sind kleinere Einkaufsfahrten und tägliches Pendeln nach Amersfoort drinnen. Das Haus in Leusden versorgt also nicht nur seine Bewohner_innen mit Energie, sondern auch deren Mobilität.
Die Technologie ist da. Jetzt müsste man sie “nur” noch bauen. Wenn man bedenkt, dass gerade jetzt – mitten in der Wirtschaftskrise – eine Ankurbelung notwendig ist: Hier wäre ein Beispiel, wie sinnvoll investiert werden kann, wie Arbeitsplätze und Technologie nicht nur für wirtschaftliche Erholung sorgen kann. Der Wirtschaftskrise wäre damit geholfen, aber darüber hinaus dient Investition in diese Technologie der viel größeren Krise: dem Klimawandel.
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