Wie konnte aus dem Wort Opfer ein Schimpfwort werden?

„Du Opfer“ hörte ich heute einen Jugendlichen schimpfen. Er nannte ihn nicht nur so, sondern seine gesamte Körperhaltung, sein Gesichtsausdruck und seine danach folgenden Sätze drückten Abscheu und Ekel aus.

Wie konnte aus einem Wort wie Opfer eigentlich ein Schimpfwort werden? Dieser Gedanke belastet mich schon den ganzen Tag, und heute Abend fand ich dann die Zeit und schaute auf Wikipedia nach. Dort konnte ich schnell feststellen, dass ich nicht der Einzige bin, der sich über die Wandlung des Wortes Opfer sorgen macht.

Opfer. Das bedeutet für mich immer, dass jemand unschuldig zu Schaden kam. Ein Opfer war für mich immer jemand, mit dem man Mitleid hatte, dem man helfen soll, weil es in einen Zustand geraten ist, wo man wirklich niemanden sehen will.

Nun gut, kann man natürlich einwenden, jede Zeit und jede Jugendsprache hatte so seine eigenen Worte, die von Anderen, vor allem Ältere, nicht verstanden oder abgelehnt wurden. Aber ein so tragischer Anlass, in der jemand zum Opfer wird, und dann dieses Wort für Verachtung zu verwenden… Nein, das kann und will ich nicht akzeptieren. Jemanden als Opfer abzustempeln geht einfach nicht! Das macht mich richtig betroffen.

Werden wir gerade zu Opfer einer gesellschaftlich gefährlichen Entwicklung? Wie seht ihr das? Eure Meinung diesbezüglich würde mich wirklich interessieren (Update & Anm.: Eure Meinung interessiert mich natürlich immer! ;))

43 Gedanken zu „Wie konnte aus dem Wort Opfer ein Schimpfwort werden?“

  1. Kann deine Sorge gut verstehen. Mir dreht sich auch immer alles im Magen zusammen, wenn ich besagtes „Schimpfwort“ höre. Und ich bin auch ratlos, ob das generationsbedingt nachvollziehbar oder eben schon eine sprachliche Fehlentwicklung der Extraklasse ist. Mein Bauch vermutet zweiteres.

  2. Kann deine Sorge gut verstehen. Mir dreht sich auch immer alles im Magen zusammen, wenn ich besagtes „Schimpfwort“ höre. Und ich bin auch ratlos, ob das generationsbedingt nachvollziehbar oder eben schon eine sprachliche Fehlentwicklung der Extraklasse ist. Mein Bauch vermutet zweiteres.

  3. Das ist die Folge eines gesellschaftlichen Leistungsdruckes. Genauso, wie, dass es in einer Gesellschaft verpönt ist Emotionen zu zeigen, oder emotional zu sein, ist es auch verpönt sich von Geschehnissen tangieren zu lassen, vor allem in nicht allzu „intimen“ zwischenmenschlichen Beziehungen. Hierbei wird eine emotionale Reaktion auf etwas, was einen marginal tangiert, oder den Charakter angreift, als Schwäche per se angesehen. Man lässt sich heute nicht angreifen, „man steht drüber“. Somit ist der Begriff „Opfer“ meiner Ansicht nach, nichts weiter als ein Produkt unserer entfremdeten Zeit. Menschen, die Gefühle außerhalb ihrer privaten Atmosphäre zeigen oder denen man denkt anzusehen, dass sie „zu so etwas fähig wären“, werden diffamiert. Somit wird menschliche Schwäche diffamiert, und jemand, der Schwäche zeigt, ist Opfer dessen, der die Macht über ihn hat. Jene Macht, die dazu führt, dass er/ sie sich schwach fühlt.

  4. Das ist die Folge eines gesellschaftlichen Leistungsdruckes. Genauso, wie, dass es in einer Gesellschaft verpönt ist Emotionen zu zeigen, oder emotional zu sein, ist es auch verpönt sich von Geschehnissen tangieren zu lassen, vor allem in nicht allzu „intimen“ zwischenmenschlichen Beziehungen. Hierbei wird eine emotionale Reaktion auf etwas, was einen marginal tangiert, oder den Charakter angreift, als Schwäche per se angesehen. Man lässt sich heute nicht angreifen, „man steht drüber“. Somit ist der Begriff „Opfer“ meiner Ansicht nach, nichts weiter als ein Produkt unserer entfremdeten Zeit. Menschen, die Gefühle außerhalb ihrer privaten Atmosphäre zeigen oder denen man denkt anzusehen, dass sie „zu so etwas fähig wären“, werden diffamiert. Somit wird menschliche Schwäche diffamiert, und jemand, der Schwäche zeigt, ist Opfer dessen, der die Macht über ihn hat. Jene Macht, die dazu führt, dass er/ sie sich schwach fühlt.

  5. Ich glaube, es hat, wie so oft, etwas mit Angst und Neid zu tun.
    Angst, daß man selber zum Opfer werden könnte, weil man sich nicht genug „gewehrt“ hat. Nicht umsonst hört man des öfteren von Jugendlichen „ich schlage zuerst zu, bevor ein anderer mich schlägt“. Dieses „ich werd doch nicht zum Opfer, ich bin stark und kann mich wehren“ führt zu „das ist ein Opfer, das war zu schwach um sich zu wehren und deshalb verachte ich es“.
    Neid, weil ein Opfer Aufmerksamkeit bekommt, die man selbst vielleicht nicht hat. Da wirft man dann ganz schnell jemand vor, den Opferstatus auszunützen oder doch gar kein „echtes Opfer“ zu sein (wie z.B. Natascha Kampusch). Der Rückschluß – weil der/die sich als Opfer ausgibt, bekomme ich keine Zuwendung/kein Geld/keinen Job/keine Wohnung … .
    Es sind komplexe Umwege, die da in den Köpfen der Jugendlichen gegangen werden, und die werden nicht leicht zu entwirren sein werden.

  6. Ich glaube, es hat, wie so oft, etwas mit Angst und Neid zu tun.
    Angst, daß man selber zum Opfer werden könnte, weil man sich nicht genug „gewehrt“ hat. Nicht umsonst hört man des öfteren von Jugendlichen „ich schlage zuerst zu, bevor ein anderer mich schlägt“. Dieses „ich werd doch nicht zum Opfer, ich bin stark und kann mich wehren“ führt zu „das ist ein Opfer, das war zu schwach um sich zu wehren und deshalb verachte ich es“.
    Neid, weil ein Opfer Aufmerksamkeit bekommt, die man selbst vielleicht nicht hat. Da wirft man dann ganz schnell jemand vor, den Opferstatus auszunützen oder doch gar kein „echtes Opfer“ zu sein (wie z.B. Natascha Kampusch). Der Rückschluß – weil der/die sich als Opfer ausgibt, bekomme ich keine Zuwendung/kein Geld/keinen Job/keine Wohnung … .
    Es sind komplexe Umwege, die da in den Köpfen der Jugendlichen gegangen werden, und die werden nicht leicht zu entwirren sein werden.

  7. Ich weiß nicht, ich kann mich darüber nicht mehr empören, weil ich es schon als normal akzeptiert habe. Das Wort ist in der Jugendsprache schon lange präsent – früher vor allem in Deutschland, forciert durch den dortigen Ableger des Battle-Raps, mittlerweile (d.h. seit geschätzen drei Jahren) auch in Österreich.
    Wenn man genauer darüber nachdenkt, ist es natürlich eine ziemlich hässliche Beleidigung, aber nachvollziehbar: ein Opfer ist ein Schwächling, jemand, der mit Füßen getreten wurde und sich dies auch offenbar gefallen hat lassen. Die ursprüngliche Bedeutung des Opfers als jemand, der nichts für sein Unglück kann, wurde ausgetauscht zugunsten der Darstellung eines Menschen, der zu schwach oder schlecht ist, sich gegen den Täter zu wehren und somit in die Opferrolle fällt. Opfer sind somit nur die, die nicht genug Stärke zeigen, um sich gegen den Ãœberlegenen zu wehren. „Ein Opfer des Systems“ kommt mir da als geflügeltes Wort in den Sinn, das sich von ebenjenem unterdrücken lässt, anstatt aufzustehen und zu kämpfen.
    Meine Meinung also? Es gibt einfach zwei verschiedene Bedeutungen von „Opfer“ und in der einen, neueren trägt der als so bezeichnete Mensch in den Augen des Täters eine Mitschuld an seinem Versagen. Ich selbst würde das Wort nie benutzen, alleine schon deswegen, weil es etwas ziemlich Primitives an sich haften hat, aber wie bereits gesagt kann ich durchaus nachvollziehen, warum es in diesem Kontext verwendet wird.

  8. Ich weiß nicht, ich kann mich darüber nicht mehr empören, weil ich es schon als normal akzeptiert habe. Das Wort ist in der Jugendsprache schon lange präsent – früher vor allem in Deutschland, forciert durch den dortigen Ableger des Battle-Raps, mittlerweile (d.h. seit geschätzen drei Jahren) auch in Österreich.
    Wenn man genauer darüber nachdenkt, ist es natürlich eine ziemlich hässliche Beleidigung, aber nachvollziehbar: ein Opfer ist ein Schwächling, jemand, der mit Füßen getreten wurde und sich dies auch offenbar gefallen hat lassen. Die ursprüngliche Bedeutung des Opfers als jemand, der nichts für sein Unglück kann, wurde ausgetauscht zugunsten der Darstellung eines Menschen, der zu schwach oder schlecht ist, sich gegen den Täter zu wehren und somit in die Opferrolle fällt. Opfer sind somit nur die, die nicht genug Stärke zeigen, um sich gegen den Überlegenen zu wehren. „Ein Opfer des Systems“ kommt mir da als geflügeltes Wort in den Sinn, das sich von ebenjenem unterdrücken lässt, anstatt aufzustehen und zu kämpfen.
    Meine Meinung also? Es gibt einfach zwei verschiedene Bedeutungen von „Opfer“ und in der einen, neueren trägt der als so bezeichnete Mensch in den Augen des Täters eine Mitschuld an seinem Versagen. Ich selbst würde das Wort nie benutzen, alleine schon deswegen, weil es etwas ziemlich Primitives an sich haften hat, aber wie bereits gesagt kann ich durchaus nachvollziehen, warum es in diesem Kontext verwendet wird.

  9. Hier noch ein Kommentar von Michael Neumayr auf Facebook, den ich inhaltlich nachvollziehen kann:

    „Mein Ansatz: Im schrägen Ghetto-Empfinden das in der deutschen Hip-Hop Szene grassiert bist du nur wer wenn du dich durchsetzt. Natürlich geht das nur mit Gewalt, also ist gut, stark, mächtig, wer Täter ist. Ein Opfer kann sich nicht wehren. Die Schlussfolgerung. Ein „Weichei“, einer der sich nicht durchsetzen kann, wird im Ghetto nicht überleben… Ergo… Opfer ist etwas schlechtes.
    Ziemlich dämliche Auffassung, aber ich glaub in diese Richtung geht es.“

  10. Hier noch ein Kommentar von Michael Neumayr auf Facebook, den ich inhaltlich nachvollziehen kann:

    „Mein Ansatz: Im schrägen Ghetto-Empfinden das in der deutschen Hip-Hop Szene grassiert bist du nur wer wenn du dich durchsetzt. Natürlich geht das nur mit Gewalt, also ist gut, stark, mächtig, wer Täter ist. Ein Opfer kann sich nicht wehren. Die Schlussfolgerung. Ein „Weichei“, einer der sich nicht durchsetzen kann, wird im Ghetto nicht überleben… Ergo… Opfer ist etwas schlechtes.
    Ziemlich dämliche Auffassung, aber ich glaub in diese Richtung geht es.“

  11. Du Opfer Du, heißt jemand als feige zu benennen, Ghettosprache, ist blöd aber…nicht mehr und nicht weniger !Der Wandel des Wortes ist aus der Haltung gegenüber Schwächeren zu verstehen.Es gilt als ehrlos, feige zu sein.Leider können Schwächen nicht offen gezeigt werden, besonders in diesen Gruppen.
    lg. Silvia

  12. Du Opfer Du, heißt jemand als feige zu benennen, Ghettosprache, ist blöd aber…nicht mehr und nicht weniger !Der Wandel des Wortes ist aus der Haltung gegenüber Schwächeren zu verstehen.Es gilt als ehrlos, feige zu sein.Leider können Schwächen nicht offen gezeigt werden, besonders in diesen Gruppen.
    lg. Silvia

  13. Ich glaube das Wort Opfer wurde im Internetgamingbereich zum Schimpfwort. Dort wurden schlechte Spieler oft als Opfer abgetan mit den Worten: „Du bist kein Gegner du bist ein Opfer!“, welches zum Ausdruck bringen sollte wie umbedarft jemand spielte und somit keine potentielle Gefahr darstellte, sondern nur ein free frag (gratis Punkt auf der Scorelist) war.
    Natürlich sollte man solche Wortzweckentfremdungen immer kritisch betrachten und Opfer ist da nicht das einzige, auch „Jude“ oder „Schwuchtel“ wurde zumindest in meiner Schulzeit als Schimpfwort missbraucht.

  14. Ich glaube das Wort Opfer wurde im Internetgamingbereich zum Schimpfwort. Dort wurden schlechte Spieler oft als Opfer abgetan mit den Worten: „Du bist kein Gegner du bist ein Opfer!“, welches zum Ausdruck bringen sollte wie umbedarft jemand spielte und somit keine potentielle Gefahr darstellte, sondern nur ein free frag (gratis Punkt auf der Scorelist) war.
    Natürlich sollte man solche Wortzweckentfremdungen immer kritisch betrachten und Opfer ist da nicht das einzige, auch „Jude“ oder „Schwuchtel“ wurde zumindest in meiner Schulzeit als Schimpfwort missbraucht.

  15. ich glaube, weil es gewisse gruppen aber auch einzelpersonen gibt, die mit allen erdenklichen mitteln versuchen, sich selbst in die opferrolle zu stellen.

    beispiele:
    – jemand, der seinen selbstmord (wo auch oder bei wem auch immer) ankündigt, um aufmerksamkeit zu erregen.
    – jemand, der sich im freundeskreis über den/die ex auslässt: weil sie einmal eine rangelei hatten, wird er/sie plötzlich zum/r brutalen schläger/in.
    – die (us-)regierung tut das doch auch ständig. dutzende beispiele würden mir einfallen, aber den rahmen sprengen.

    ich glaube, dass die verwendung der redewendung „du opfer“ in diesem zusammenhang weniger ernst sondern mehr sarkastisch gemeint ist. ich verwende das wort gar nicht, habe mir bislang auch noch keine tiefergehenden gedanken darüber gemacht.

    zum schluss eine gegenfrage:
    ich finde es ebenfalls bedenklich wie das wort „nazi“ von alt und jung verwendet wird. ich wurde bisher schon öfters als grammar-nazi betitelt, weil ich hie und da auf fehler aufmerksam mache. letztens habe ich fahrrad-nazi jemanden schimpfen hören, der sich beim lokalinhaber darüber beschwert hat, dass er sein fahrrad nicht im lokal stehen lassen darf…

  16. ich glaube, weil es gewisse gruppen aber auch einzelpersonen gibt, die mit allen erdenklichen mitteln versuchen, sich selbst in die opferrolle zu stellen.

    beispiele:
    – jemand, der seinen selbstmord (wo auch oder bei wem auch immer) ankündigt, um aufmerksamkeit zu erregen.
    – jemand, der sich im freundeskreis über den/die ex auslässt: weil sie einmal eine rangelei hatten, wird er/sie plötzlich zum/r brutalen schläger/in.
    – die (us-)regierung tut das doch auch ständig. dutzende beispiele würden mir einfallen, aber den rahmen sprengen.

    ich glaube, dass die verwendung der redewendung „du opfer“ in diesem zusammenhang weniger ernst sondern mehr sarkastisch gemeint ist. ich verwende das wort gar nicht, habe mir bislang auch noch keine tiefergehenden gedanken darüber gemacht.

    zum schluss eine gegenfrage:
    ich finde es ebenfalls bedenklich wie das wort „nazi“ von alt und jung verwendet wird. ich wurde bisher schon öfters als grammar-nazi betitelt, weil ich hie und da auf fehler aufmerksam mache. letztens habe ich fahrrad-nazi jemanden schimpfen hören, der sich beim lokalinhaber darüber beschwert hat, dass er sein fahrrad nicht im lokal stehen lassen darf…

  17. Als Schimpfwort ist es mir bekannt im Kontext von: wieso musst du dich denn für das/den Opfern, Aufopfern, für dies oder jenes zum Opfer werden, machen lassen. Da wird Opfer zum Negativen, ja abwertenden assoziiert und impliziert gleichsam Abneigung und Unverständnis. Ja, du bist doch der Gute und so zu anders handelst, dich deiner haut nicht währst, ist du ein Opfer das kein Mitleid, Mitgefühl noch beistand bedarf. – Es ist eine schreckliche, ja erschreckende und traurige Sache die für mich auch die sprachliche Grenzwertigkeit des Menschen darstellt…und noch weit mehr!
    LG. Alexander

  18. Als Schimpfwort ist es mir bekannt im Kontext von: wieso musst du dich denn für das/den Opfern, Aufopfern, für dies oder jenes zum Opfer werden, machen lassen. Da wird Opfer zum Negativen, ja abwertenden assoziiert und impliziert gleichsam Abneigung und Unverständnis. Ja, du bist doch der Gute und so zu anders handelst, dich deiner haut nicht währst, ist du ein Opfer das kein Mitleid, Mitgefühl noch beistand bedarf. – Es ist eine schreckliche, ja erschreckende und traurige Sache die für mich auch die sprachliche Grenzwertigkeit des Menschen darstellt…und noch weit mehr!
    LG. Alexander

  19. Als Schimpfwort ist es mir bekannt im Kontext von: wieso musst du dich denn für das/den Opfern, Aufopfern, für dies oder jenes zum Opfer werden, machen lassen. Da wird Opfer zum Negativen, ja abwertenden assoziiert und impliziert gleichsam Abneigung und Unverständnis. Ja, du bist doch der Gute und so zu anders handelst, dich deiner haut nicht währst, ist du ein Opfer das kein Mitleid, Mitgefühl noch beistand bedarf. – Es ist eine schreckliche, ja erschreckende und traurige Sache die für mich auch die sprachliche Grenzwertigkeit des Menschen darstellt…und noch weit mehr!
    LG. Alexander

  20. danke, marco, für diese überlegungen! meine tochter (15) benutzt dieses wort ebenfalls, und ich habe – und da habe ich jetzt direkt ein schlechtes gewissen – gar nie weiters darüber nachgedacht.
    jetzt, wo ich das tue, finde ich das ganze ein trauriges symptom unserer zeit, wo schwäche zu etwas schimpflichem geworden ist. ein symptom für die ellbogenmentalität. auch bedürftige schämen sich ja neuerdings für ihre armut. was die folgen dieser einstellung sind, sieht man täglich,- der mangel an hilfsbereitschaft und solidarität fängt bei den kleinen kindern an und wird von den eltern auch noch gefördert. abschreiben zu lassen oder etwas herzuborgen ist out. usw usf. in jedem fall: danke dir!

  21. danke, marco, für diese überlegungen! meine tochter (15) benutzt dieses wort ebenfalls, und ich habe – und da habe ich jetzt direkt ein schlechtes gewissen – gar nie weiters darüber nachgedacht.
    jetzt, wo ich das tue, finde ich das ganze ein trauriges symptom unserer zeit, wo schwäche zu etwas schimpflichem geworden ist. ein symptom für die ellbogenmentalität. auch bedürftige schämen sich ja neuerdings für ihre armut. was die folgen dieser einstellung sind, sieht man täglich,- der mangel an hilfsbereitschaft und solidarität fängt bei den kleinen kindern an und wird von den eltern auch noch gefördert. abschreiben zu lassen oder etwas herzuborgen ist out. usw usf. in jedem fall: danke dir!

  22. Also zunächst einmal, ist niemand gerne ein Opfer. Zusätzlich ist es so, wohl geglaubt wird, nicht jeder kann ein Opfer werden. Nur Menschen, die sich nicht zu wehren wissen, blöd sind, oder schwach sind, werden Opfer. Etwa in der Schule- Opfer der Mitschüler (gehänselt, gequält, you name it). Das passiert nicht jedem, sondern bestimmten- eben jenen, die sich nicht entsprechen wehren wollen oder können.
    Selbstverteidigungskurse (z.b.) verkaufen sich durch den Slogan „Sei kein Opfer mehr“. Die Aussage impliziert, dass ich es selber in der Hand habe ein Opfer zu sein, oder nicht. Man denke z.b. an die lächerliche Argumentation, Vergewaltigungsopfer hätten zumindest eine Teilschuld, weil sie sich so aufreizend kleiden…
    Das heißt also, wenn ich ein Opfer werde, habe ich irgendetwas falsch gemacht- jedenfalls im Volksmund. Deshalb ist es ein Schimpfwort, jemanden als „Opfer“ zu bezeichnen. Es heißt, du bist schwach, du kannst dich nicht wehren.

    Freilich: Quatsch. Jeder kann Opfer jeder Art werden ohne das geringste dafür zu können.

  23. Also zunächst einmal, ist niemand gerne ein Opfer. Zusätzlich ist es so, wohl geglaubt wird, nicht jeder kann ein Opfer werden. Nur Menschen, die sich nicht zu wehren wissen, blöd sind, oder schwach sind, werden Opfer. Etwa in der Schule- Opfer der Mitschüler (gehänselt, gequält, you name it). Das passiert nicht jedem, sondern bestimmten- eben jenen, die sich nicht entsprechen wehren wollen oder können.
    Selbstverteidigungskurse (z.b.) verkaufen sich durch den Slogan „Sei kein Opfer mehr“. Die Aussage impliziert, dass ich es selber in der Hand habe ein Opfer zu sein, oder nicht. Man denke z.b. an die lächerliche Argumentation, Vergewaltigungsopfer hätten zumindest eine Teilschuld, weil sie sich so aufreizend kleiden…
    Das heißt also, wenn ich ein Opfer werde, habe ich irgendetwas falsch gemacht- jedenfalls im Volksmund. Deshalb ist es ein Schimpfwort, jemanden als „Opfer“ zu bezeichnen. Es heißt, du bist schwach, du kannst dich nicht wehren.

    Freilich: Quatsch. Jeder kann Opfer jeder Art werden ohne das geringste dafür zu können.

  24. Also zunächst einmal, ist niemand gerne ein Opfer. Zusätzlich ist es so, wohl geglaubt wird, nicht jeder kann ein Opfer werden. Nur Menschen, die sich nicht zu wehren wissen, blöd sind, oder schwach sind, werden Opfer. Etwa in der Schule- Opfer der Mitschüler (gehänselt, gequält, you name it). Das passiert nicht jedem, sondern bestimmten- eben jenen, die sich nicht entsprechen wehren wollen oder können.
    Selbstverteidigungskurse (z.b.) verkaufen sich durch den Slogan „Sei kein Opfer mehr“. Die Aussage impliziert, dass ich es selber in der Hand habe ein Opfer zu sein, oder nicht. Man denke z.b. an die lächerliche Argumentation, Vergewaltigungsopfer hätten zumindest eine Teilschuld, weil sie sich so aufreizend kleiden…
    Das heißt also, wenn ich ein Opfer werde, habe ich irgendetwas falsch gemacht- jedenfalls im Volksmund. Deshalb ist es ein Schimpfwort, jemanden als „Opfer“ zu bezeichnen. Es heißt, du bist schwach, du kannst dich nicht wehren.

    Freilich: Quatsch. Jeder kann Opfer jeder Art werden ohne das geringste dafür zu können.

  25. Mit der Verwendung des Wortes Opfer habe ich auch Probleme. Es wird jedoch nicht nur für andere verwendet, sondern in selteren Fällen auch für sich selbst und evtl. Freunde.“Du bist halt voll das Opfer.“, im Sinne von jetzt hat es ungerechterweise dich erwischt. Dann ist es nicht so negativ gemeint, wie Du Opfer. Habe auch schon gehört, ich bin voll das Opfer (selten)Gestern sagte ein Mädchen zu ihrer Schwester, nachdem sie gehört hatte, daß es einen bestimmten Lehrer noch mehrere Jahre haben wird :“Du bist halt voll das Opfer.“ Da lag etwas Bedauern mit drin, aber auch das ausgeliefert sein. Man kann auch sagen. „Die sind voll das Opfer“, ohne es gut zu finden, daß sie es sind. Egal wie es verwendet wird, habe ich ein komisches Gefühl bei diesem Wort.

  26. Mit der Verwendung des Wortes Opfer habe ich auch Probleme. Es wird jedoch nicht nur für andere verwendet, sondern in selteren Fällen auch für sich selbst und evtl. Freunde.“Du bist halt voll das Opfer.“, im Sinne von jetzt hat es ungerechterweise dich erwischt. Dann ist es nicht so negativ gemeint, wie Du Opfer. Habe auch schon gehört, ich bin voll das Opfer (selten)Gestern sagte ein Mädchen zu ihrer Schwester, nachdem sie gehört hatte, daß es einen bestimmten Lehrer noch mehrere Jahre haben wird :“Du bist halt voll das Opfer.“ Da lag etwas Bedauern mit drin, aber auch das ausgeliefert sein. Man kann auch sagen. „Die sind voll das Opfer“, ohne es gut zu finden, daß sie es sind. Egal wie es verwendet wird, habe ich ein komisches Gefühl bei diesem Wort.

  27. das bedenkliche an der verwendung des wortes „opfer“ als schimpfwort ist die tatsache dass es die empathie mit einem tatsächlichen opfer unwahrscheinlich wenn nicht gar unmöglich macht. per se ist die verwendung als schimpfwort ja absurd, weil ein opfer ja in der regel keine schuld trägt daran dass es dazu wurde. die verwendung als schimpfwort impliziert aber eine schuld (denn warum sollte man sonst schimpfen?) und damit dissoziert sich der schimpfende vom opfer und sympathisiert mit der täterrolle. eigentlich komplett widersinnig, müsste doch „täter“ das schimpfwort sein. hier wird offensichtlich der machtbesitz (täter) als positiv und die machtlosigkeit (opfer) als negativ gedeutet. wir assozieren uns halt lieber mit dem mächtigen als mit dem „verlierer“, und die schuldfrage tritt in den hintergrund. also ja, ich finde diese entwicklung auch bedenklich, weil sie unsere gesellschaft weiter pervertiert und unsere empathiefähigkeit (die uns schlussendlich massgeblich als menschen definiert) massiv untergräbt.

  28. das bedenkliche an der verwendung des wortes „opfer“ als schimpfwort ist die tatsache dass es die empathie mit einem tatsächlichen opfer unwahrscheinlich wenn nicht gar unmöglich macht. per se ist die verwendung als schimpfwort ja absurd, weil ein opfer ja in der regel keine schuld trägt daran dass es dazu wurde. die verwendung als schimpfwort impliziert aber eine schuld (denn warum sollte man sonst schimpfen?) und damit dissoziert sich der schimpfende vom opfer und sympathisiert mit der täterrolle. eigentlich komplett widersinnig, müsste doch „täter“ das schimpfwort sein. hier wird offensichtlich der machtbesitz (täter) als positiv und die machtlosigkeit (opfer) als negativ gedeutet. wir assozieren uns halt lieber mit dem mächtigen als mit dem „verlierer“, und die schuldfrage tritt in den hintergrund. also ja, ich finde diese entwicklung auch bedenklich, weil sie unsere gesellschaft weiter pervertiert und unsere empathiefähigkeit (die uns schlussendlich massgeblich als menschen definiert) massiv untergräbt.

  29. Pui da hab ich mich aber ziemlich holprig ausgedrückt. Hätts nochmal gegenlesen sollen 🙂 Hoffe der Punkt kam verständlich rüber. Wurde in den anderen Kommentaren eh auch schon in diese Richtung angesprochen.

  30. Pui da hab ich mich aber ziemlich holprig ausgedrückt. Hätts nochmal gegenlesen sollen 🙂 Hoffe der Punkt kam verständlich rüber. Wurde in den anderen Kommentaren eh auch schon in diese Richtung angesprochen.

  31. Pui da hab ich mich aber ziemlich holprig ausgedrückt. Hätts nochmal gegenlesen sollen 🙂 Hoffe der Punkt kam verständlich rüber. Wurde in den anderen Kommentaren eh auch schon in diese Richtung angesprochen.

  32. Leute, „Opfer“ bedeutet ursprünglich was ganz anderes als ein Mensch der unschuldig zu Schaden gekommen ist. Schaut mal in der Bibel nach. Ich kenn das Wort als Schimpfwort schon aus meiner eigenen Schulzeit. Ich denk mal diese Kinder/Jugendlichen sind grausam (was Kinder/Jugendliche nun mal recht gut können, sie sind nicht lieb und nett) aber sprachlich sind sie an der originalen Bedeutung mehr dran als ihr mit der „lieben“ Auslegung.
    Ich versteh die Diskussion nicht ganz? früher war alles besser? Auch die Verwendung des Wortes „Opfer“? Die Gesellschaft verroht? Das hab ich schon gehört als die Punkies erstmals durch Wien gezogen sind…

  33. Leute, „Opfer“ bedeutet ursprünglich was ganz anderes als ein Mensch der unschuldig zu Schaden gekommen ist. Schaut mal in der Bibel nach. Ich kenn das Wort als Schimpfwort schon aus meiner eigenen Schulzeit. Ich denk mal diese Kinder/Jugendlichen sind grausam (was Kinder/Jugendliche nun mal recht gut können, sie sind nicht lieb und nett) aber sprachlich sind sie an der originalen Bedeutung mehr dran als ihr mit der „lieben“ Auslegung.
    Ich versteh die Diskussion nicht ganz? früher war alles besser? Auch die Verwendung des Wortes „Opfer“? Die Gesellschaft verroht? Das hab ich schon gehört als die Punkies erstmals durch Wien gezogen sind…

  34. Vielen Dank an alle, die kommentiert haben. Spannende Diskussion und zumindest ein Denkanstoß.
    @Lena: Ich habe nicht gesagt, dass die Gesellschaft verroht. Aber dass wir den Preis für Individualismus (und ich bin Individualist!) insofern bezahlen, dass sie irgendwann zu einer Entsolidarisierung führt – oder zumindest führen kann – sollte man schon aufzeigen. Nicht um gegen sie vorzugehen, sondern Grenzen festzulegen. Und wenn man es nicht für „die Gesellschaft“ schafft, so ja vielleicht für sich selbst. Indem man etwa dieses Wort nicht als Schimpfwort verwendet und mitunter Anderen darauf aufmerksam macht.

  35. Vielen Dank an alle, die kommentiert haben. Spannende Diskussion und zumindest ein Denkanstoß.
    @Lena: Ich habe nicht gesagt, dass die Gesellschaft verroht. Aber dass wir den Preis für Individualismus (und ich bin Individualist!) insofern bezahlen, dass sie irgendwann zu einer Entsolidarisierung führt – oder zumindest führen kann – sollte man schon aufzeigen. Nicht um gegen sie vorzugehen, sondern Grenzen festzulegen. Und wenn man es nicht für „die Gesellschaft“ schafft, so ja vielleicht für sich selbst. Indem man etwa dieses Wort nicht als Schimpfwort verwendet und mitunter Anderen darauf aufmerksam macht.

  36. Ich denke, man sollte hier die Umwertung des Begriffes mitbedenken. In Jugendsprachen bedeuten Begriffe oft etwas anders als in der Standardsprache, natürlich verliert sich damit nicht die gängige Konnotation, aber man kann nicht mehr von der Ursprungsbedeutung sprechen. Einfaches Beispiel: „geil“ muss nicht unbedingt eine sexuelle Konnotation haben. Auch hier wurde von vielen die als problematisch empfundene, saloppe Verwendung kritisiert.

    Andererseits sagen derartige Umwertungen natürlich auch immer etwas über gesellschaftliche Trends, aber es wäre dann eher diese Umwertung zu diskutieren bzw. die Möglichkeit einer völligen Abstraktion von der Ursprungsbedeutung.

    Jugendsprache tut hier jedenfalls genau das, was sie soll: Bei anderen Gruppen Unverständnis hervorrufen, und durch den gemeinsamen Referenzrahmen der „Andersbedeutung“ Identität stiften.

  37. Ich denke, man sollte hier die Umwertung des Begriffes mitbedenken. In Jugendsprachen bedeuten Begriffe oft etwas anders als in der Standardsprache, natürlich verliert sich damit nicht die gängige Konnotation, aber man kann nicht mehr von der Ursprungsbedeutung sprechen. Einfaches Beispiel: „geil“ muss nicht unbedingt eine sexuelle Konnotation haben. Auch hier wurde von vielen die als problematisch empfundene, saloppe Verwendung kritisiert.

    Andererseits sagen derartige Umwertungen natürlich auch immer etwas über gesellschaftliche Trends, aber es wäre dann eher diese Umwertung zu diskutieren bzw. die Möglichkeit einer völligen Abstraktion von der Ursprungsbedeutung.

    Jugendsprache tut hier jedenfalls genau das, was sie soll: Bei anderen Gruppen Unverständnis hervorrufen, und durch den gemeinsamen Referenzrahmen der „Andersbedeutung“ Identität stiften.


  38. Jugendsprache tut hier jedenfalls genau das, was sie soll: Bei anderen Gruppen Unverständnis hervorrufen, und durch den gemeinsamen Referenzrahmen der “Andersbedeutung” Identität stiften.

    Ich glaub damit ist alles gesagt. Zumindest alles was ich darin sehe.


  39. Jugendsprache tut hier jedenfalls genau das, was sie soll: Bei anderen Gruppen Unverständnis hervorrufen, und durch den gemeinsamen Referenzrahmen der “Andersbedeutung” Identität stiften.

    Ich glaub damit ist alles gesagt. Zumindest alles was ich darin sehe.

  40. Ich bin spät dran mit meinem Komentar, aber heute habe ich auch über das Wort OPFER nachgedacht und deswegen auf diese Komentare gestossen. Im Litauischen kann das Wort „Opfer“ auch als Schimpfwort benutzt werden. Aber eine seiner Bedeutungen ist auch freiwilliges Abgeben von etwas. Und wenn man wegen seiner eigenen Blödheit seine eigene Freiheit und Macht an die Lebensbedingungen zum Beispiel abgibt, dann kann ich gut nachvollziehen, dass es in Augen von einem Jugentlichen, und nicht nur, sehr schrechlich aussieht :)Es gibt Werte, die man nicht opfern sollte..

  41. Ich bin spät dran mit meinem Komentar, aber heute habe ich auch über das Wort OPFER nachgedacht und deswegen auf diese Komentare gestossen. Im Litauischen kann das Wort „Opfer“ auch als Schimpfwort benutzt werden. Aber eine seiner Bedeutungen ist auch freiwilliges Abgeben von etwas. Und wenn man wegen seiner eigenen Blödheit seine eigene Freiheit und Macht an die Lebensbedingungen zum Beispiel abgibt, dann kann ich gut nachvollziehen, dass es in Augen von einem Jugentlichen, und nicht nur, sehr schrechlich aussieht :)Es gibt Werte, die man nicht opfern sollte..

  42. ich benutz das wort häufig und andere Leute, aber das hat nichts mit dem eigentlichen sinn zu tun. Wenn ich du Opfer sag, denk ich nie daran, dass derjenige „unschuldig zu Schaden gekommen ist“

  43. ich benutz das wort häufig und andere Leute, aber das hat nichts mit dem eigentlichen sinn zu tun. Wenn ich du Opfer sag, denk ich nie daran, dass derjenige „unschuldig zu Schaden gekommen ist“

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