René Berto gehört zu den einflussreichsten Kulturmanagern Österreichs. Durch seine Arbeit rund um Conchita Wurstbeim Eurovision Song Contest 2014 wurde er international bekannt. Im Interview spricht er über Karriere, Kulturbetrieb und die Entwicklungen der letzten Jahre.
von Marco Schreuder
Während Wien gerade wieder im Song-Contest-Fieber ist, erinnere ich mich an die Zeit vor 12 und 11 Jahren, als Conchita für Österreich gewann und der ESC 2015 in Wien stattfand. Was für eine gesellschaftspolitische Aussage war das damals ! Was für ein Fest!
Bereits vor dem Eurovision Song Contest 2014 in Kopenhagen war ich mit dem Manager René Berto befreundet, und wir trafen uns gelegentlich, um das Projekt „Conchita 2014“ beim ESC zu besprechen und ich konnte als ESC-Kenner den einen oder anderen Tipp geben. Als der Triumph in Kopenhagen tatsächlich gelang, kontaktierte mich René Berto: „Marco, ich bekomme 2000 Mails pro Tag. Da muss jemand managen. Ich brauche einen Kommunikationsmanager!“ Und schon war ich über ein Jahr bei einem der spannendsten popkulturellen Ereignisse Österreichs dabei.
Jahre später lud ich René Berto in meinen ESC-Podcast „Merci, Chérie“ ein, den ich seit 2019 mit Alkis Vlassakakis begonnen habe und der sich zu einem Vier-Personen-Podcast entwickelte. René war einer der ersten Manager, die damals bei uns zu Gast waren – ganz zu Beginn des Podcasts.
Es war also Zeit, ihn wieder zu treffen.
Wer ist René Berto?
Es gibt Menschen im Kulturbetrieb, die nicht im Rampenlicht stehen – und gerade deshalb oft unterschätzt werden. René Berto ist einer von ihnen. Als Gründer und Kopf der Agentur Genie & Wahnsinn prägt er seit Mitte der 1990er-Jahre Karrieren, die längst Teil des kollektiven Gedächtnisses geworden sind.
Mit Alf Poier trat er 2003 beim Eurovision Song Contest an – begleitet von PR-Aktionen, die heute fast undenkbar erscheinen. 2014 war er mit Conchita Wurst in Kopenhagen der kreative Kopf des Siegerteams – und koordinierte im Anschluss eine der größten Medienoffensiven der österreichischen Kulturgeschichte.
Heute managt René Berto unter anderem Lisa Eckhart sowie Acts wie die Science Busters, David Stockenreitner und Benedikt Mitmannsgruber – ein bewusst heterogenes Portfolio.
Interview: René Berto über Management, ESC und Kulturbetrieb
Im Merci, Chérie-Podcast hast du 2019 ziemlich offen über deine Arbeit gesprochen. Wenn du heute darauf zurückblickst: Was würdest du anders formulieren?
Vielen lieben Dank für die Frage und das heutige Interview. Ich würde gar nichts an dem damaligen Interview ändern wollen. Es stimmt alles noch genauso. Erst unlängst habe ich für die Ö1-Serie „100 Songs“ ein Interview gegeben und konnte Inhalte rund um die beiden Eurovision Song Contests im selben Wortlaut wie damals wiederholen. Die Sendung wird am 11.5. um 9:45 vormittags im linearen Radio auf Ö1 und kurz darauf auf allen Podcast-Plattformen von Ö1 ausgestrahlt.
Genie & Wahnsinn gibt es seit Mitte der 1990er-Jahre. Kannst du die wichtigsten Stationen skizzieren?
Ja, unglaublich, unsere Agentur wird heuer 30 Jahre alt – ein Wahnsinn! Begonnen haben wir mit den Festivals „Wien ist andersrum“ (u.a. mit Hermes Phettberg, Georgette Dee, Max Raabe, Geschwister Pfister usw.) und den „Wiener Wochen des schlechten Geschmacks“ (mit Michael Mittermeier, Oliver Kalkofe, den Kranken Schwestern, der Rundfahrt des Grauens usw.). Es hat sich dann immer mehr in die Kabarettszene verlagert. Dann habe ich Alf Poier kennengelernt, und wir sind 16 Jahre lang durch die deutschsprachige Szene gezogen. Mit dem Erfolg beim Song Contest ging es dann steil bergauf – mit seiner Karriere und mit mir, dem Mann im Hintergrund.
Eure PR-Aktionen rund um Alf Poier sind legendär. Wann begann dieser Ansatz?
Ja, das stimmt. 1998 ist zum Beispiel ein Propellerflugzeug mit dem Werbetransparent www.alfpoier.at über die Donauinsel beim dreitägigen Donauinselfest geflogen – drei Tage lang. Wir haben damals auf allen Kabarettbühnen 100.000 Bierdeckel verteilt und Zuckersackerln mit seinem Konterfei in den Beisln. Wir haben Interviews vor dem ESC gemacht, bei denen wir Journalisten in die Auslage eines Musikgeschäfts gesetzt haben. Auch haben wir Journalisten einen Gesichtstrumpf übergezogen, sie in eine dunkle Parkgarage entführt und das Interview auf dem Rücksitz geführt. Es war immer was los. Beim ESC in Riga ist Alf mit Ameisenhaufen und sieben Hüten aufgetaucht, über rohe Eier gelaufen und hat nach dem 6. Platz seinen Koffer im Hotelzimmer zurückgelassen. Wir sind stattdessen nach Jurmala an den Strand gefahren.
ESC 2014: Wie hast du den Sieg erlebt – und was passierte danach?
Das war einer der aufregendsten Tage meines Lebens. Ich habe die Energie gespürt und wusste, dass wir gewinnen werden. Ich hatte meine Siegerrede schon vorher fertig und den ganzen Tag bei mir. Nach dem Sieg war alles crazy. Backstage wurde schon abgebaut, wir fuhren ins ESC Village, dann ins Hotel. Ich bin wie Franz Beckenbauer nach dem WM-Titel herumgeschlichen und habe gewartet.
Am Flughafen in Wien: Tausende Menschen, unzählige Nachrichten. Das Handy blieb nie wieder still. Am Ende saß das Team in Conchitas Wohnung und wartete auf alles, was kommt: Empfang am Ballhausplatz, Firmengründung, Wachstum. Aus meinem Ein-Mann-Büro wurde ein Team mit neun Personen in der TNRB Unstoppable GmbH. Du, Marco, warst dann ja auch von einem Tag auf dem anderen Kommunikationsmanager.
Wie koordiniert man 500 Interviews in kurzer Zeit?
Das Team war schnell aufgestellt. Wir waren ständig unterwegs – Köln, Schweiz, später weltweit.
Überraschungsauftritte wie bei „Willkommen Österreich“ gehörten dazu. Es war eine verrückte Zeit: Security, Privatjets, internationale Reisen – wie Rockstars durch Europa und darüber hinaus.
Was war die Rolle der TNRB Unstoppable GmbH?
Die gab es nicht parallel. Genie & Wahnsinn wurde kurzfristig stillgelegt und die neue Firma gegründet – ausschließlich für Conchita. Neun Mitarbeiter haben sich um alles gekümmert: Presse, Auftritte, Social Media, Produkte. So konnten wir die Marke Conchita klar positionieren.
Der Umgang mit Lisa Eckhart und Cancel Culture – wie hast du das erlebt?
Das war ziemlich nervig. Aus einer Mücke wurde ein Elefant gemacht. Lisa polarisiert, aber sie greift alle an. Viele haben uns unterstützt, auch aus der jüdischen Community. Am Ende hat sich sogar der Festivalleiter entschuldigt. Die Debatte war letztlich gute Werbung für ihr Buch „OMAMA“.
Nach welchem Prinzip wählst du deine Künstler aus?
Bauchgefühl und Intuition. Wichtig ist auch, ob jemand polarisiert. Nicht nehmen würde ich Dinge, die mich persönlich nicht interessieren – etwa belanglose Comedy, auch wenn sie erfolgreich ist.
Was bedeutet dein „ganzheitlicher Ansatz“ konkret?
Ich sehe mich als 24/7-Manager. Wir kümmern uns um Strategie, Booking, PR, Tourlogistik – und manchmal auch um Alltagsorganisation. Wir sind immer da.
Welche Auszeichnungen sind dir besonders wichtig?
Der Eurovision-Pokal und der Press Award 2014. Auch Kabarettpreise sind wichtig. Besonders gefreut hat mich zuletzt der Publikumspreis für die Science Busters.
Was hat sich im Kulturbetrieb verändert?
Corona hat viel verändert. Weniger Nachkultur, mehr Rückzug nach Shows. Dafür mehr Open-Air-Formate und ein starkes Publikum. Viele neue Künstler sind entstanden.
Erfolge und Misserfolge – wie blickst du darauf?
Große Fehler gab es kaum. Ich bin stolz darauf, immer wieder neu anzufangen. Manche nennen mich ein „Trüffelschwein“ – wegen meines Gespürs für Talente.
Du bist heute sichtbarer – bewusst?
Nur wenn es passt. Ich bleibe der Mann im Hintergrund.
Wo steht Genie & Wahnsinn in fünf Jahren?
In den Händen einer Nachfolge. Ich möchte langsam reduzieren – und vielleicht mehr genießen.
Zur Agentur heute
Strategisches Künstlermanagement & Booking
Genie & Wahnsinn ist eine Full-Service-Agentur für Künstlermanagement, Booking, PR und Eventproduktion mit Sitz in Österreich unter der Leitung von René Berto. Seit 30 Jahren begleitet die Agentur Ausnahmetalente der deutschsprachigen Kabarett-, Comedy- und Kulturszene – darunter u.a. Lisa Eckhart, Benedikt Mitmannsgruber, die Science Busters, Alf Poier und Conchita Wurst.
Das Leistungsspektrum umfasst strategische Karriereplanung, exklusive Vermittlung von Auftritten sowie ganzheitliche mediale und inhaltliche Beratung von Künstler:innen.
Als zentrale Schnittstelle zwischen Bühne, Medien und Veranstaltern steht Genie & Wahnsinn für professionelle Expertise und kompromisslose Qualität in der Umsetzung kultureller Projekte.
Die Episode „Der Manager“ mit René Berto:
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Weitere InformationenFotos: René Berto privat