Zwanzig Jahre Rettungsarbeit am jüdischen Friedhof Währing

Vor zwanzig Jahren betrat ich zum ersten Mal den jüdischen Friedhof Währing. Er war verfallen und niemand kümmerte sich darum. Dank des unermüdlichen Engagements großartiger Menschen konnte seither viel erreicht werden. Am 8. November gibt es wieder Führungen. Wer den Ort kennenlernen möchte, kann sich gerne bei mir melden.

Vor zwanzig Jahren war der jüdische Friedhof Währing ein Dschungel: ein Ort des Verfalls, weitgehend der Natur überlassen. Seit 1938 hatte es keinen Gärtner mehr gegeben. Die Israelitische Kultusgemeinde Wien musste sich nach den NS-Verbrechen vor allem um eine traumatisierte und durch die Shoah dramatisch verkleinerte Gemeinde kümmern. Der Staat übernahm für die Pflege lange keine Verantwortung, verpflichtete sich jedoch 2001 im Washingtoner Abkommen dazu.

Für mich war das 2006 ein Grund, aktiv zu werden. Auf den Friedhof stieß ich zunächst ganz zufällig: Ich entdeckte ihn auf einem Stadtplan, stand aber vor einem abgesperrten Tor. Kurz darauf erschien ein Artikel von Charles Ritterband in der Neuen Zürcher Zeitung. Ich kontaktierte die darin erwähnte Historikerin Tina Walzer. Das war der Startschuss, von dem ich niemals gedacht hätte, dass daraus zwanzig Jahre Engagement werden würden. Zahlreiche internationale TV-Stationen berichteten, unsere Begehung für Journalist:innen fand enorme Resonanz – vorerst allerdings ohne politische Konsequenzen.

Von da an hieß es also: dranbleiben und nicht aufgeben. Dieses Beharren hat sich gelohnt. Entscheidend dazu beigetragen haben die Landtagsabgeordnete Jennifer Kickert, die auch den Verein „Rettet den Jüdischen Friedhof Währing“ gegründet hat, und Werner Kogler in seiner Zeit als Vizekanzler. Schließlich gelang, was lange kaum vorstellbar schien: die Rettung des Friedhofs – mit Unterstützung der Stadt Wien, des Bundes, der IKG Wien und des Nationalfonds.

Doch warum soll man den Friedhof pflegen? Denn hier geht es um weit mehr als Denkmalpflege. Der Friedhof wurde 1784 angelegt und bis 1879 belegt (mit einigen späteren Ausnahme-Bestattungen). Hier liegt die Gründergeneration der dritten jüdischen Gemeinde Wiens begraben. Nur wenige Generationen später wurde diese Gemeinde von den Nationalsozialisten vernichtet; wer fliehen konnte, hatte Glück. Viele Familien wurden ausgelöscht oder in alle Welt vertrieben. Auch die für die Erhaltung des Friedhofs vorgesehenen Gelder wurden in der NS-Zeit geraubt. Ein Teil des Friedhofs wurde in der NS-Zeit vernichtet, Prominente für so genannten „rassenkundliche Untersuchungen“ exhumiert.

Wer heute über die Wege des Friedhofs geht, begegnet deshalb nicht nur einzelnen Biografien, sondern einem zentralen Kapitel der Wiener Geschichte: der Gründer- und Ringstraßenzeit, Reichtum und Armut, Aufstieg und Ausgrenzung. Hier liegen auch Menschen begraben, die jene Infrastruktur geschaffen haben, die Wien bis heute prägt und die wir noch immer benützen.

Führungen am 8. November

Am Sonntag, 8. November, führe ich wieder zweimal über den Friedhof: um 11 Uhr und um 13 Uhr. Alle Infos hier:
https://jued-friedhof18.at/fuehrungen/

Führungen für Einzelpersonen und Gruppen

Du möchtest alleine, mit einer Gruppe, deinem Verein, deiner Schulklasse, deiner Familie oder deinem Team kommen? Rundgänge können auch direkt bei mir gebucht werden – ausgenommen an jüdischen Feiertagen und am Schabbat.
Einfach mailen: marco@schreuder.at

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