Eine kleine Geschichte des Song Contests zwischen Körper, Geschlecht und Nation

29. April 2015

Gemeinsam mit Christine Ehardt und Georg Vogt habe ich einen wissenschaftlichen Sammelband über den Eurovision Song Contest gestaltet, der dieser Tage bei Zaglossus erscheint.

ESC Cover PRINT.inddAlles begann vor einigen Jahren, als wir beisammen saßen und uns zu später Stunde ein dunkles Geheimnis gestanden: Wir sind Fans des Eurovision Song Contest und das schon seit Kindheitstagen! Dieses „dirty secret“ teilend und über qualifizierende Abschlüsse im Studienfach der Theater-, Film und Medienwissenschaft verfügend, entschlossen wir uns dazu, gemeinsam und aus kritischer kulturwissenschaftlicher Perspektive ein Buch über den Song Contest herauszugeben.

Zwischen Idee und Umsetzung lagen mehrere Jahre. Als der ORF Ende 2013 Conchita Wurst für den Eurovision Song Contest 2014 nominierte, war dies auch für uns Motivation, unsere Idee in die Praxis umzusetzen. Wursts Nominierung versprach eine Verdichtung der gesellschaftlichen Debatten um Körper und Geschlecht. Aufgrund der trans- und homophoben österreichischen Wirklichkeit, war vorhersehbar, dass Diskussionen um die Frage, ob Wursts Nominierung eine Schande für die Nation sei, früher oder später aufbrechen würden. Die Analyse dieser Debatten erschien uns vielversprechend, um Einblick in den aktuellen Stand der gesellschaftlichen Akzeptanz nicht heteronormativer Körperbilder und Lebensentwürfe in Österreich und Europa zu gewinnen.

Ende April 2014 gingen wir mit einem Call for Papers an die Öffentlichkeit. An einen Sieg Conchita Wursts glaubten wir zu diesem Zeitpunkt nicht. Nur im Scherz sprachen wir davon, dass wir unser Buch rechtzeitig zum Song Contest 2015 in Wien fertig bekommen sollten.

Noch mehr als die Debatten im Vorfeld, erwies sich Conchita Wursts Triumph in Kopenhagen als Motor für unser Buchprojekt. Nicht nur das mediale Interesse am Song Contest, sondern auch das wissenschaftliche erfuhr einen gewaltigen Schub. Unser Buch wäre wohl ein ganz anderes geworden, hätten am 10. Mai 2014 The Common Linnets oder gar Aram Mp3 gewonnen.

Von den insgesamt 20 Beiträgen beschäftigen sich vier im engeren Sinne mit Conchita Wurst. Die Theaterwissenschaftlerinnen Katharina Pewny und Kati Röttger schreiben über performative Praktiken der Dis/Identifikation. Ina Matt – Genderforscherin und Redakteurin bei fiber. Werkstoff für Feminismus und Popkultur – analysiert die brüchige Inszenierung Österreichs als „Queer Nation“ in der ORF Dokumentation „Conchita – Einfach persönlich“. Mit der homophob aufgeladenen russischen Reaktion beschäftigt sich Historikerin und Filmwissenschaftlerin Yulia Yurteva. Der Theater-, Film- und Medienwissenschaftler Bernhard Frena untersucht das Social Media Phänomen des Bartabrasierens. Schließlich machte Conchita Wurst den Bart zum Symbol von Unmännlichkeit – zumindest aus Sicht einiger russischer Twitternutzer, die sich des selbigen kurz nach dem ESC Finale entledigten.

In unserem Sammelband geht es nicht ausschließlich um die Wurst. Die Autor*innen spannen einen Bogen von der Frühgeschichte des Song Contests bis heute. Sie beschäftigen sich mit Sprache, Ethnisierung und Nation-Building; beleuchten die Austragung staatspolitischer Konflikte auf der Song Contest Bühne und untersuchen ein breites Spektrum Körper- und bildpolitischer Strategien. Gemeinsam mit Anne Marie Faisst habe ich einen Beitrag über Antisemitismus, Israel und den Song Contest beigesteuert. Abschließend finden sich im Kapitel „Resonanzen“ Beiträge, die sich mit der Rezeption des Song Contests in verschiedenen Kontexten auseinander setzen. Die Frage nach den Gründen von Erfolg und Misserfolg, empirische Untersuchungen lokaler Fankulturen, kritische Auswertungen klassischer Printmedien und aktueller Social Media Phänomene sind Gegenstand der Texte.

„Eurovision Song Contest – Eine kleine Geschichte zwischen Körper, Geschlecht und Nation“ wurde von Christine Ehardt, Georg Vogt und Florian Wagner herausgegeben. Erschienen ist das Buch im April 2015 bei Zaglossus (http://www.zaglossus.eu/ESC.htm).

 

Florian Wagner ist Theater-, Film- und Medienwissenschaftler und Mitherausgeber der Sammelbände „(K)ein Ende der Kunst. Kritische Theorie, Ästhetik, Gesellschaft“ (LIT, 2014) und „How I Got Lost Six Feet Under Your Mother. Ein Serienbuch“ (Zaglossus, 2013). Seit 2011 engagiert er sich im Verein zur Förderung Kritischer Theater-, Film- und Medienwissenschaft (KritTFM – http://krittfm.blogspot.co.at/).

Warum ein Manderl, das auf Weiberl steht, es so schwer hat.

Manderln, die auf Weiberln stehen, hätten es besonders schwer, hieß es neulich bei den Amadeus Music Awards.

Das stimmt natürlich, denn es ist sicher schon vielen Heteros passiert,

  • dass man sich von einem verstorbenen Freund bei einem Begräbnis verabschieden will, und man entsetzt feststellen muss, dass die Familie alles Heterosexuelle verschweigt und aus der Zeremonie verbannt, die Freundin des Verstorbenen ganz hinten sitzen muss und der Pfarrer ausschließlich die homosexuellen Werte betont und alles andere verschweigt.
  • dass man bei einem Begrüßungskuss mit Weiberl aus dem Café geschmissen wird.
  • dass man ein Haus kaufen wollte, aber der Verkäufer plötzlich sagt: Sorry, aber an Heteros verkaufe ich nicht.
  • dass man in Gesetzen noch immer diskriminiert wird und die Regierungsparteien ständig den heterosexuellen NGOs mitteilen, dass man Ungleiches nicht gleich stellen könne.
  • dass man aus verschiedenen Ländern flüchten muss, weil Heterosexualität verboten ist – bis hin zur Todesstrafe in 7 Staaten der Erde.
  • dass man überall – in den Medien, in den Schulen, im Freundeskreis, in der Familie – mitgeteilt bekommt, dass man doch bald einen Freund haben sollte, und man sich nicht traut zu sagen, dass man eigentlich auf Mädchen steht.
  • dass man sich dann doch traut in der Schule zu outen, man aber gemobbt, gehänselt und verprügelt wird, weil man eine “Scheiß-Hete” ist.
  • dass man aus der elterlichen Wohnung geworfen wird, weil heterosexuelle Lebensweisen nicht toleriert werden.
  • dass ein Taxifahrer dich aus dem Auto schmeißt, weil du deine Freundin geküsst hast.
  • dass du in deiner Firma nicht und nicht aufsteigst und der Grund recht klar ist: Heteros werden eh toleriert, aber in der Chefetage bleiben halt die Homos lieber unter sich.
  • usw.

Ja, diese Manderln, die auf Weiberln stehen, haben es echt schwer.

Rede im Bundesrat zum Fortpflanzungsmedizinrecht

12. February 2015

Nach einem Erkenntnis des Verfassungsgerichtshofs gibt es keinen sachlichen Grund lesbische Paare von der medizinisch unterstützten Fortpflanzung auszuschließen. Zuvor wurde das Thema intensiv in der Bioethik-Kommission behandelt und recht eindeutig beantwortet. Der VfGH folgte dieser Argumentation.

Die FPÖ wetterte im Bundesrat intensiv gegen die Novelle des Fortpflanzungsmedizingesetzes. Das Hauptargument: Es sei gegen die Natur. Dazu auch eine Replik am Ende der Rede. (Qualität des Videos leider nicht optimal)

Ich kandidiere ab Platz 17

In Wien stehen wieder Listenwahlen an. Auch ich stehe bei den Kandidatinnen und Kandidaten dabei. Natürlich haben mich viele innerhalb (und noch mehr außerhalb) der Grünen gefragt, was ich beabsichtige, was meine Ziele sind, wohin ich will, etc. Meine Kandidatur und der Text dazu ist HIER nachzulesen.

Nun, ich will Bundesrat bleiben. Das ist mein Ziel.

In den letzten Jahren habe ich eine Veränderung in der politischen Wahrnehmung der Grünen wahrgenommen, die bewegender ist, als die meisten vemutlich glauben. Die Grünen haben durch die Regierungsbeteiligungen in vielen Bundesländern, auch in Wien, an Ansehen gewonnen. Wir werden als seriöse Verhandlungspartner und -partnerinnen wahrgenommen. Im Gegensatz zu früher, als man nahezu ausschließlich oppositionell und medial fordern konnte, Anträge stellen konnte, die dann in einem Ausschuss vertagt wurden um dann irgendwo zu verstauben, sind wir jetzt eben eine Bewegung, mit der man ernsthaft an Lösungen arbeiten kann – bei aller Unterschiedlichkeit, bei allen Auseinandersetzungen, bei allen Verwerfungen, die freilich auch noch da sind.

Im Parlamentsklub habe ich die wunderbare Möglichkeit bekommen, als LGBTIQ- und netzpolitischer Sprecher weit über den Bundesrat hinaus aktiv sein zu können.

Die Gleichstellung von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transgendern und Intersexuellen befindet sich in einem Art Endspurt. Dies möchte ich gern noch weiter betreuen und begleiten – und auch lästig dazwischen funken, wenn nötig. Ich würde es nach wie vor für ein fatales Signal halten, wenn das Parlament keine einzige offen dazu stehende Lesbe oder Schwulen hätte. Mit LGBTIs zu verhandeln ist doch etwas anderes, als über sie zu verhandeln.

Im Bereich Netzpolitik sind noch viel mehr Baustellen offen. Ob IT-Strategie in der Verwaltung, Netzneutralität, Datenschutz im digitalen Zeitalter oder Open Data bzw. Open Government: Es gibt noch viel zu tun.

Außerdem hat der Bundesrat, was nur wenige wissen, besonders in der EU-Gesetzgebung seit dem Lissabon-Vertrag viel Macht. Mittels Mitteilungen oder Subsidiariätsrügen kann der Bundesrat aktiv mitwirken. Und tatsächlich war der Bundesrat diesbezüglich die zweitfleißigste Kammer aller Parlamente in Europa.

Kurzum: Ich strebe keinen allzu wählbaren und sicheren Platz für die Gemeinderatswahl an, aber einsetzen werde ich mich schon gern im Bereich der Kampfmandate bzw. Nachrückpositionen. Aber: Ich möchte vor allem die Arbeit auf Bundesebene fortsetzen. Auch  wenn der Bundesrat nicht viele mediale und öffentliche Möglichkeiten bietet (außer man ist etwas verhaltensauffällig), habe ich doch versucht, das meiste rauszuholen, was geht. Das macht mir übrigens auch Spaß (auch kein unwesentlicher Faktor in der Politik: Die Motivation!)

Eine wichtige Motivation weiterzumachen war übrigens auch dieser Text, der im November online an mich adressiert war: http://www.twitlonger.com/show/n_1sibn7i

Ich weiß freilich, dass ich statutenbedingt nur eine 50:50 Chance habe, eine weitere Legislaturperiode im Bundesrat als Entsandter Wiens zu erreichen. Da die Grünen – zurecht, wie ich meine – Frauen in Funktionen fördern wollen, kann ich nur dann als Bundesrat (nach der Wien Wahl) kandidieren, wenn der nächste Rathausklub mehr Frauen als Männer hat. was ich natürlich sehr hoffe.