Rudolfsheim-Fünfhaus. Eine Liebeserklärung.

Es ist bereits mein zehntes Jahr in Rudolfsheim-Fünfhaus, dem 15. Wiener Gemeindebezirk. Und als wir hierher zogen war uns noch nicht wirklich klar in welchen Bezirk wir da zogen. Ein Taxifahrer, mit dem ich damals plauderte, fragte mich ob ich verrückt sei. Nirgendwo sonst wäre es so kriminell, unsicher und überhaupt: „Das ist doch kein Bezirk für anständige Menschen!“. Ich schluckte kurz, aber ließ mich auf das Abenteuer ein. Die Aussicht über Wien war und ist einfach zu atemberaubend. Immerhin liegt der 15. Bezirk auf der so genannten Laaer-Berg-Terrasse.
Ghetto, der ärmste Bezirk Wiens, der Bezirk mit dem höchsten Migrant_innenanteil Wiens (2006: 31,8{6f8c26ad3fabc3ab9e5403d0d68a89bc5a2f8a366172fd8ffa8095b282dbc8a7}), der Bezirk mit der geringsten Lebenserwartung – all das darf man als einer von 71.000 Bewohner und Bewohnerinnen von Rudolfsheim-Fünfhaus oft hören. Und es stimmt irgendwie auch – und trotzdem ist das Bild, das durch solche Fakten vermittelt wird, gleichzeitig so unendlich falsch. Denn der 15. Hieb ist lebendig. Und wie!

Der hohe Anteil an Migranten und Migrantinnen schreckt viele ab sich hier eine Wohnung zu suchen. Die FPÖ feierte hier schon in den frühen 90-er Jahren mit Anti-Ausländer-Propaganda Wahlsiege, konnte aber die hohen Prozentzahlen von 1996 nie mehr wiederholen. Doch Konflikte erlebe ich – subjektiv vielleicht in „meinem Grätzl“ rund um die Ubahn-Station Schweglerstraße – kaum, obwohl man sie nicht wegleugnen kann. Sie nehmen aber ab. Denn die Vielfalt wird mehr geschätzt als gehasst, mehr erlebt als theoretisiert, mehr gelassen wahrgenommen als gewalttätig ausgelebt.

Ob türkische Restaurants oder Feinkostläden, ein sensationeller Thai-Shop oder klassische orientalische Friseure mit Bartrasuren und Haarentfernung mittels Feuer, ob ein Vietnamese oder zwei apulische Köche, die sensationelle Küche aus Süditalien bieten, ob frischer Fisch von der dalmatinischen Küste Kroatien oder das beste Fladenbrot Wiens… All das habe ich ums Eck. Und wer meint, dass sich Ethnien ihre eigenen Shops machen würden, sollte all die Ecken einmal erkunden: Überall bunt gemischtes Publikum: Der Türke, der asiatische Kost genießt, der Österreicher, der sich beim türkischen Barbier einen Bartschnitt gönnt, der Sikh, der im Thai-Shop nach veganem Essen Ausschau hält und die rumänische Familie, die diesmal nicht in ihrem Restaurant am Gürtel – dem Donaudelta – Sarmale essen geht, sondern diesmal österreichische Kost auf der Schmelz mit den albanischen Freunden genießt.

Die Gentrifizierung findet freilich statt. Junge Menschen, die sich keine Wohnung in den Boboville-Bezirken 6, 7 oder 8 leisten können, finden hier gerade noch leistbaren Wohnraum, auch wenn die Preise in den letzten Jahren dramatisch gestiegen sind. Student_innen, Kreative und Jungfamilien entdecken die Vielfalt und ziehen hier nicht trotz, sondern wegen dem bunten Allerlei aus der ganzen Welt her.

Trotzdem: „Rudolfsheim-Fünfhaus ist nichts für Weicheier“, wie es einmal ein Nachbar zusammenfasste. Konflikte, Armut und die Sichtbarkeit von perspektivlosen Jugendlichen, die gerne was zu tun hätten aber nichts zu tun haben, sind vorhanden. Straßenstrich gibt es an vielen Ecken im Bezirk. Konflikte der interkulturellen Art passieren freilich. So spielt sich im 15. Bezirk – besonders in den warmen Monaten – das Leben auf der Straße ab. Der öffentliche Raum wird bis tief in die Nacht belebt, was man als Neuling im Bezirk nur aus Urlaubstagen im Süden kannte. Für Menschen, die ruhig wohnen wollen, ist das freilich nichts. Und diese ärgern sich – manchmal auch zurecht.

Und all das bunt gemischte, arme Menschen und junge Kreative, Student_innen und Arbeitslose, die Konflikte und die Gelassenheit, die Bassena-Wohnungen mit den großzügigen Dachgeschoß-Ausbauten darüber: Jeder der hier wohnt wird anders geerdet. Denn anders als in Boboville ist es nicht der Bezirk der schicken Trends, wo die jungen Aufsteiger und Aufsteigerinnen untereinander in einer scheinbar heilen urbanen Welt bleiben. Nein, hier ist die Stadt mit all ihren Verfehlungen und Chancen, mit all ihren Problemen und mit all ihrem Reichtum sichtbar. Offen und jederzeit und überall sichtbar. Hier täuschen keine Verschönerungen und hübsche Fassaden über Not und Probleme hinweg. Ja, ein Mensch im 15. Bezirk ist anders geerdet. Und meiner Meinung nach gerade dadurch mit einem breiteren Horizont ausgestattet.

Während man anderswo über die ägyptische Revolution theoretisierte, diskutierte ich mit meinen ägyptischen Trafikanten über die Ereignisse, über Mubarak, über Israel, die Palästinenser und die Bombe im Iran, die der persische Flüchtling, der gleichzeitig im Geschäft war, ebenso fürchtet. Der Rücktritt der türkischen Militärspitze wird im Friseursalon heftig diskutiert. Sehen die einen – Linke und Aleviten – damit eine Gefahr für die säkulare Türkei, freuen sich Religiöse darüber, währen die Nationalisten dumme Sprüche klopfen. Und die Sikhs, die sich vom Anschlag auf ihrem Tempel vor etwa 2 Jahren langsam wieder erholen, analysieren den wirtschaftlichen Aufstieg Indiens, während sie dir gleichzeitig ayurvedisches Irgendwas verkaufen wollen. Und die österreichische Dame, die sich täglich im Café Lorenz einfindet und hier seit über 50 Jahren lebt hat auch viel zu berichten und versucht zu verstehen, was aus ihrem Bezirk geworden ist. Auch das eine Lektion in Geschichte.

Rudolfsheim-Fünfhaus ist sicher kein Bezirk, in der jede und jeder es aushält. Aber wer es hier schafft, dem eröffnen sich Perspektiven, die man kaum woanders findet. Und man stellt fest, das es vermutlich keinen lebendigeren Ort in Österreich geben kann. Auch wenn das vielleicht am Ende gar nicht stimmen mag.

Märzstraße in Rudolfsheim-Fünfhaus. Benannt zur Erinnerung an die Opfer der Märzrevolution 1848

Geschichte

Laaer-Berg-Terrasse: So nennt man die Schotterablagerungen, die im Mesozoikum entstanden. Damals war Wien noch von Meer bedeckt. Und das sich zurückziehende Wasser schuf den Wiener Becken, die Flüsse Wien und Donau schufen diese Terrassen. Die Terrasse, auf der sich auch der 15. Bezirk befindet, erstreckt sich vom Laaer Berg bis zum Türkenschanzpark.

Ein paar Dörfer gab es schon länger hier. Reindorf wird schon zu Beginn des 15. Jahrhunderts erwähnt. Braunhirschen (früher Dreihaus) und Rustendorf entstanden im 17. Jahrhundert nach der zweiten Türkenbelagerung. Im 19. Jahrhundert erfolgte dann in der berühmten Gründerzeit – als Wien im Zuge der Industriellen Revolution eine Millionenmetropole wurde – die dichte Bebauung und die Dörfer und die Beubauten wurden zu Rudolfsheim, benannt nach Kronprinz Rudolf. Der 15. Bezirk war mal der 14. Bezirk, wurde dann wieder mit anderen zusammengelegt und fand seine heutigen Bezirksgrenzen erst 1992. Die Geschichte Österreichs spiegelt sich im 15. Bezirk wieder, der im Grunde immer einer armer Arbeiterbezirk war. Hier fanden 1848 während der März-Revolutionen die blutigsten Auseinandersetzungen statt, zwei Synagogen (Turnertempel und Storchenschul) wurden einst gebaut und während der Novemberpogrome 1938 zerstört (siehe Projekt Herklotzgasse 21 hier), ein k.u.k. Exerzierfeld befand sich dort, wo sich nun auf der Schmelz eine Kleingartenanlage befindet. Zuletzt wurde der 15. Bezirk auch Verkehrsknotenpunkt. Das begann 1858 mit dem Westbahnhof und setzt sich fort bis 1994, als die U3 den 15. Bezirk erreichte. Der Bau der Stadthalle (1953-58) war für Rudolfsheim-Fünfhaus prägend.

Einige Tipps für den 15. Bezirk (vorwiegend nördlicher Teil):

Kristal Herrenfriseur – Märzstraße 44: Türkische Bartrasuren, Modellrasur und Haarschnitt zum sensationellen Preis.
Good Morning Vietnam! – Märzstraße 29: Vietnamesische Küche mitten im 15. Hieb.
Pizzeria Ristorante Il Tavoliere – Goldschlagstraße 34: Apulische Küche vom Feinsten!
Bäckerei und Feinkost Ünsal – Märzstraße 44: das vielleicht beste Fladenbrot Wiens und hervorragendes Sortiment von Obst und Gemüse.
Schutzhaus zur Zukunft: Riesiger Garten, beste österreichische Küche auf der Schmelz.
Konoba Pescaria – Goldschlagstraße 22: Feinster dalmatinischer Fisch!
Talad Thai – Schweglerstraße 15: Hervorragender Thai Shop mit Spezialitäten und Imbiss.
Kent Restaurant – Märzstraße 39: Der türkische Gourmet-Klassiker mit drei Restaurants in Wien. Schöner Gastgarten, günstig und gut.
Diwan Holzkohlengrill – Märzstraße 51: Ein weiterer guter Türke im 15. Bezirk.
Café Lorenz – Märzstraße 37: Liebenswürdiges Wiener Café, fest in Frauenhand. Zum Tageszeitungslesen in zuckerlrosa Ambiente.
Eissalon di Jimmy – Kardinal Rauscher-Platz 7: Gloggnitzer Eismacher mit Filiale im 15. Bezirk. Bestes Cookies-Eis Wiens!
Café Amadeus – Märzstraße 4: Uriges Beisl mit viel Live-Musik gleich hinter dem Urban Loritz-Platz.
Blue Tomato – Wurmsergasse 21: Jazzmusik vom Feinsten, tropischer Garten und viele Köstlichkeiten.
Restaurant Donaudelta – Sechshauser Gürtel 7: Nicht direkt im meinem Grätzl, aber das beste rumänische Restaurant Wiens!

16 Gedanken zu „Rudolfsheim-Fünfhaus. Eine Liebeserklärung.“

  1. super Artikel, wohne auf der anderen Seite der Schmelz (1160) und dort gibt es ähnliche Probleme aber auch einige Lichtblicke. Auch wenn es das Gasthaus „Vorstadt“ nicht mehr gibt und geben wird.

    Mein Tipp ist das http://www.das-augustin.at/ am Sonntag zum Frühstücken, selten so gutes Frühstück mit so netter Stimmung erlebt. Da kann Karmelitermarkt, Yppenplatz und Nasch-Bobo-Markt einpacken noch dazu ein gutes Preis/Leistungsverhältnis.

  2. super Artikel, wohne auf der anderen Seite der Schmelz (1160) und dort gibt es ähnliche Probleme aber auch einige Lichtblicke. Auch wenn es das Gasthaus „Vorstadt“ nicht mehr gibt und geben wird.

    Mein Tipp ist das http://www.das-augustin.at/ am Sonntag zum Frühstücken, selten so gutes Frühstück mit so netter Stimmung erlebt. Da kann Karmelitermarkt, Yppenplatz und Nasch-Bobo-Markt einpacken noch dazu ein gutes Preis/Leistungsverhältnis.

  3. Ja, Fünfhaus ist großartig!

    Es ist derzeit fast unheimlich, mit welcher Geschwindigkeit die Gentrifizierung beim Grätzel Westbahnhof voranschreitet. Straßenprostitution steht ja kurz vor dem kompletten Verbot, stattdessen gibt es auf der äußeren Mariahilferstraße laufend Neueröffnungen. Hanoi Restaurant, Orange Shop, Coffeecompany, usw.

    PS: Es wird Zeit für ein #Twittagessen15 – geben wir mal nicht auf mit der Terminfindung: http://www.doodle.com/ytre4iduecaahc5u

  4. Ja, Fünfhaus ist großartig!

    Es ist derzeit fast unheimlich, mit welcher Geschwindigkeit die Gentrifizierung beim Grätzel Westbahnhof voranschreitet. Straßenprostitution steht ja kurz vor dem kompletten Verbot, stattdessen gibt es auf der äußeren Mariahilferstraße laufend Neueröffnungen. Hanoi Restaurant, Orange Shop, Coffeecompany, usw.

    PS: Es wird Zeit für ein #Twittagessen15 – geben wir mal nicht auf mit der Terminfindung: http://www.doodle.com/ytre4iduecaahc5u

  5. sehr gut beschrieben..bin schon 2 mal zurückgezogen und abgesehen vom nächtlichen lärmpegel und dem handwerker der schon seit 6 monaten den keilriemen bei seinem vw caddy wechseln sollte !! 5 haus ist super!

    wir freuen uns auf die wiedereröffnung der stadthalle als option im winter 🙂

    ciao d.

  6. sehr gut beschrieben..bin schon 2 mal zurückgezogen und abgesehen vom nächtlichen lärmpegel und dem handwerker der schon seit 6 monaten den keilriemen bei seinem vw caddy wechseln sollte !! 5 haus ist super!

    wir freuen uns auf die wiedereröffnung der stadthalle als option im winter 🙂

    ciao d.

  7. Hallo Marco!

    Als Nachbar aus der Ganglbauergasse kann ich dir nur zustimmen. Du hast sympathisch geschrieben wie es hier ist und ich kann diese Liebe gut nachvollziehen, trage ich sie doch auch in mir. Es ist so, viele wollen nicht verstehen, wieso man hier leben möchte, ich möchte aber keine Minute weg von hier.

    Es gibt aber was, wo ich die Stirne runzle. Die rassistischen Aukleber und Schmierereien werden wirder mehr und das gefällt mir ganz und gar nicht.

    Liebe Grüße

  8. Hallo Marco!

    Als Nachbar aus der Ganglbauergasse kann ich dir nur zustimmen. Du hast sympathisch geschrieben wie es hier ist und ich kann diese Liebe gut nachvollziehen, trage ich sie doch auch in mir. Es ist so, viele wollen nicht verstehen, wieso man hier leben möchte, ich möchte aber keine Minute weg von hier.

    Es gibt aber was, wo ich die Stirne runzle. Die rassistischen Aukleber und Schmierereien werden wirder mehr und das gefällt mir ganz und gar nicht.

    Liebe Grüße

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